Haben die Studis das Flirten verlernt?

Mehr als ein Drittel der jungen Menschen in Deutschland – in diesem Fall ist von 16- bis 29-Jährigen die Rede – nutzt aktuell Onlinedating-Dienste. Das entspricht einer Zahl von rund 4,2 Millionen Menschen. Das geht aus einer aktuellen Erhebung des Digitalverbands Bitkom hervor. Bekanntermaßen ist ein nicht unerheblicher Anteil dieser Altersgruppe auf dem Campus anzutreffen.

Oliver Zöllner, Professor für Medienforschung, Internationale Kommunikation und Digitale Ethik an der Hochschule für Medien in Stuttgart, schätzt sogar, dass rund 80 Prozent der Studenten im Internet nach ihrer großen Liebe suchen. „Unter Studierenden gilt Onlinedating mittlerweile als etablierte Praxis“, sagt er. Er müsse nur einmal durch die Reihen im Vorlesungssaal gehen und könne dann schon an den Gesichtern der Studierenden ablesen, wenn es einen Treffer („Match“) gegeben hat. Laut Bitkom haben die meisten Menschen in der jungen Zielgruppe, nämlich 76 Prozent, eine Online-Partnervermittlung oder Singlebörse wie Parship, Elitepartner oder eDarling zum Flirten genutzt.

Partnersuche mit Komfort

Auf dem zweiten Platz (69 Prozent) landeten Dating-Apps wie Tinder, Lovoo und Bumble. Verglichen mit der Zeit vor 15 Jahren, sei die Online-Partnersuche heute „viel weniger schambehaftet“ geworden, sagt er. Früher habe es „fast schon etwas Verpöntes“ an sich gehabt, wenn jemand Such-Annoncen aufgab. Unter Studierenden sei Onlinedating mittlerweile aber etwas ganz Normales, sagt Zöllner, der neben dem Institut für Digitale Ethik auch das Hochschulradio in Stuttgart leitet und immer wieder überrascht ist, wie beliebt das Thema Dating sowohl für empirische Forschungsarbeiten als auch für Radiobeiträge von Studierenden ist.

Auch Nina Buch, damals Studentin für Wirtschaftsjura an der Uni Bayreuth, nutzte in ihren ersten Studiensemestern Tinder und lernte über die App ihren jetzigen Freund kennen. „Heruntergeladen habe ich es mir vor allem, um Kontakte an der Uni zu finden“, sagt die 21-Jährige. Das erfüllte durchaus seinen Zweck, denn auch wenn nicht jeder Einzelne um sie herum getindert habe, habe sie bei den vorgeschlagenen Profilen trotzdem sehr viele bekannte Gesichter aus der Universität wiedergefunden.

Die Gründe fürs Tindern oder Bumblen können ganz unterschiedliche sein: „Im Allgemeinen ist es sehr bequem, einfach wie im Katalog oder beim Shoppengehen Single-Profile durchzublättern. Die Suche nach dem stets besseren Match wirkt besonders am Anfang richtiggehend elektrisierend“, sagt Zöllner. „Und Studierende sind eben nun mal in einer Experimentierphase und nutzen solche Apps zum Casual Dating und für gelegentlichen Sex.“ Doch die ernsthafte Partnersuche gebe es natürlich ebenfalls.

Onlinedating hat Vor- und Nachteile

Das bestätigt auch eine Umfrage der FH Münster zum Thema Onlinedating, die von Nastasia Lehmann, Studentin für Soziale Arbeit, im Rahmen eines Uni-Projektes durchgeführt wurde. Rund 1300 Studierende wurden zu ihrem Dating-Verhalten zwischen dem ersten Lockdown im März 2020 und der bundesweiten Corona-Notbremse im April 2021 befragt. Herausgekommen sei dabei unter anderem, dass sich das Bedürfnis nach einer festen Partnerschaft unter Studierenden insbesondere während der Pandemie verstärkt habe und somit auch der Hauptmotivator fürs Onlinedating gewesen sei, das mehr als die Hälfte aller Befragten genutzt habe.

87 Prozent aller Befragten seien jedoch auch der Meinung gewesen, dass der digitale Weg das persönliche Kennenlernen nur sehr unzureichend ersetzen könne. „Onlinedating boomte schon vor der Pandemie und ist im Lebensalltag vieler Menschen angekommen. Der Wunsch nach festen Partnerschaften und die Möglichkeiten für Treffen im Real Life sind jedoch gestiegen“, sagt Lehmann. Nicht nur aufgrund der Corona-Pandemie, sondern auch aufgrund der negativen Erfahrungen, die viele mittlerweile gemacht hätten. Etwa, dass oftmals nichts Festes aus Bekanntschaften wird, die online geschlossen werden. „Die Sehnsucht nach persönlichen Treffen und körperlicher Präsenz wird durchs Onlinedating schlicht nicht ersetzt“, sagt Lehmann weiter.

Standardflirten statt Individualität

Daher hat sich der gute alte Hörsaal, die Party der Fachschaft am Semesterende oder die urig eingerichtete WG-Küche als Kennenlernort für Studi-Pärchen auch nicht gänzlich von Algorithmen überholen lassen. Noch. Denn was ist, wenn die noch jüngeren, den jetzigen Studierenden nachfolgenden Altersgruppen das herkömmliche Flirten „verlernen“? Augenkontakt aufnehmen, den Mut aufbringen, jemanden persönlich anzusprechen, sich interessante Fragen für ein Treffen überlegen, auch auf die Gefahr hin, einen peinlichen Korb zu erhalten.

„Jemand, der viel auf Tinder & Co. unterwegs ist, gewöhnt sich unter Umständen an, mit einer Art Checkliste von Date zu Date zu gehen und fast schon mechanisch die erwartbaren Standardfragen abzuarbeiten“, sagt Zöllner. Dadurch gehe aber der Zauber der Einzigartigkeit einer jeden Person ein Stück weit verloren, weil man gewissermaßen als austauschbarer Datensatz existiere und man sich jedes Mal fragen müsse, ob der Mensch gegenüber am selben Tag nicht noch drei weitere Dates hat, denen er oder sie genau dieselben Fragen stellt. Wer also in dieses anonymisierte Flirtverhalten hineinwachse, bei dem Individualität gar keine so große Rolle spiele, weil eben noch fünf andere Tinder-Profile um die Ecke warten könnten, dessen Haltung zum Flirten werde natürlich grundlegende Änderungen erfahren. Ob das die ohnehin schon knifflige Suche nach einem Partner noch mehr erschwert, ist strittig.

Nina Buch jedenfalls resümiert, dass man sich schon glücklich schätzen könne, wenn Person X zufällig dieselbe Dating-App benutze. Dass sie seit mehr als zwei Jahren mit ihrem Freund und vormaligen Tinder-Date zusammen ist, klingt daher eher nach einem glücklichen Einzelfall.

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