Fortbildung zum Einsatz von Tieren in Therapien

Wer beim Betreten eines Universitätscampus direkt von einem gewaltigen braunen Kaltblüter empfangen wird, der weiß: Hier werden Veterinärmediziner ausgebildet. Einige Meter weiter führen zwei Frauen mit dunkelgrünen Schürzen zwei bandagierte Schafe über das weitläufige Gelände der Justus-Liebig-Universität (JLU) in Gießen. Zwei Hunde haben es sich auf einer Wiese nebenan gemütlich gemacht. Die Hunde allerdings gehören eigentlich nicht hierher, sind also keine Patienten. Sie wurden von einer Teilnehmerin des Kurses „Tiergestützte Dienstleistung“ mitgebracht. Die Tiere dösen im Schatten und warten auf die Kinder, die für den heutigen Tag angekündigt sind.

Wer Tiere in einem pädagogischen, sozialen, medizinischen oder therapeutischen Arbeitsgebiet professionell einsetzen möchte, der hat unter anderem an der JLU die Möglichkeit, das berufsbegleitende Angebot „Tiergestützte Dienstleistung“ wahrzunehmen. An diesem Vormittag sollen Teilnehmer des Kurses Erstklässler, die eigens mit dem Zug aus Butzbach anreisen, mit Themen rund um unterschiedliche Tiere vertraut machen. In diesem Fall allerdings fast ohne Tiere. Nur besagte Hunde sind dabei.

Es soll unter anderem darum gehen, neue Wege zu finden, um den Kindern zu erklären, wie und warum Tiere so agieren, wie sie es tun. Die Teilnehmer des Kurses haben sich in kleinen Gruppen zusammengetan, um die Aufgabe zu bewältigen. An einem Stand wird erklärt, wie sich die Wolle vom Schaf von der Wolle eines Alpakas unterscheidet. Die Kinder können anhand von Fotos lernen, wie eine Schafschur abläuft, sie können Wolle erfühlen und kleine Kugeln filzen.


Haarige Sache: An einer Station werden Wollsorten vorgestellt.
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Bild: Helmut Fricke

„Pferde bedienen andere Ebenen“

Für die Teilnehmer des Kurses ist die Veranstaltung eine Prüfungsleistung. Es geht darum, eine entsprechende Umgebung zu gestalten, die räumlichen Bedingungen einzubeziehen und anhand der Zielgruppe Inhalte zu vermitteln. „Das ist eine Herausforderung, gerade wenn man nicht aus dem Lehramt kommt, sondern vielleicht aus der Jugendhilfe“, sagt Katharina Ameli, Koordinatorin des Kurses, der an das Forschungszentrum Tierschutz der JLU angedockt ist.

Bei den Teilnehmerinnen Lea Gebhardt und Lena Mohri dreht sich an diesem Vormittag alles um das Thema Pferd. Gebhardt ist Ergotherapeutin und arbeitet in der Psychiatrie. Sie setzt schon Hunde in ihrer Arbeit ein, möchte aber gerne auch Pferde mit in die Therapie aufnehmen. Hunde hätten eine sehr beruhigende Wirkung auf ihre Patienten, erzählt Gebhardt. Sie berichtet etwa von einem schwer depressiven Mann, der keinerlei Kontakt zur Außenwelt aufnehme. Doch in Gegenwart eines Hundes habe er sich plötzlich aufgerichtet und gestrahlt, erinnert sich die Therapeutin. Der Unterschied zwischen Hund und Pferd zeige sich nicht nur in der Größe. „Pferde bedienen andere Ebenen“, erzählt Gebhardt. Sie spiegelten das Gegenüber, entzögen sich eher dem Kontakt, Hunde hingegen wollten eher gefallen und suchten die Nähe.

Mohri arbeitet in einer Jugendhilfeeinrichtung, in der junge Leute zwischen 14 und 23 Jahren unterkommen, die „absolut therapiemüde“ sind, wie die Sozialpädagogin erzählt. Sie seien meist schon aus vielen Einrichtungen rausgeflogen, hätten Schwierigkeiten mit der Impulskontrolle. Mohri selbst spricht von „Systemsprengern“. Auch in ihrer Einrichtung in ländlicher Umgebung lebten Tiere, und die jungen Leute lernten von und mit ihnen. Jüngst hätten sie eine schwer verhaltensauffällige neue Mitbewohnerin aufgenommen, die in ihrer früheren Wohngruppe einen Brand gelegt habe. Ihre Kollegen hätten Respekt vor der neuen Aufgabe gehabt, doch der Neuzugang habe sich im Kontakt als umgänglich erwiesen. Nur die Tiere, in dem Falle Lamas, hätten keinen Kontakt zugelassen, hätten sich sofort abgewandt und seien weggelaufen, als die junge Frau ihre Nähe gesucht habe. Tiere spürten negative Energie, so Mohri. Doch Energie könne auch ins Positive gedreht werden, etwa durch positive Gedanken. Eine Erfahrung, die die „Systemsprengerin“ zusammen mit den Tieren machen könne.

Kurs wird seit 2016 angeboten

10 bis 15 Interessierte nehmen jedes Jahr im Oktober die einjährige Ausbildung an der JLU auf, die insgesamt 4950 Euro kostet. Nach dem Konzept der offenen Hochschule können auch diejenigen mitmachen, die kein Abitur haben. Die Teilnehmer selbst sind häufig von Haus aus Pädagogen, Sozialarbeiter, Erzieher oder Interessierte, die schon mit Tieren arbeiten und ihr Angebot gerne ausweiten würden. 2016 fand der erste Kurs dieser Art statt. Zu Beginn seien es meist Leute aus dem näheren Umfeld, sprich aus Gießen, gewesen, die sich angemeldet hätten, so Ameli. Heute kämen die Teilnehmer aus ganz Deutschland, einer sei zu den Präsenzveranstaltungen sogar eigens aus Luxemburg angereist.

720 Stunden müssen die Teilnehmer neben ihrem Beruf in die Fortbildung investieren. Dabei werden sie unter anderem von Dozenten aus den Fachbereichen BWL, Rechtswissenschaften, Biologie, Tiermedizin und Kommunikationswissenschaften ausgebildet. Außerdem werden auch viele Personen aus der Praxis eingeladen, unter anderem Absolventen früherer Jahrgänge, die über ihre Erfahrungen berichten.

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