Der TU Darmstadt fehlen wegen der Energiekrise 20 Millionen Euro

Früher habe er es sich leisten können, ab und zu einmal essen zu gehen, sagt David Falk. „Jetzt überlege ich mir, ob ich stattdessen nicht lieber heize. Oder wenn ich Essen mache, ob ich dann für mehrere Tage vorkoche.“ Die Heizung schalte er häufig nachts ganz aus und versuche tagsüber, so lange wie möglich an der Uni zu sein, „wo es vielleicht ein bisschen wärmer ist“. Momentan funktioniere das ganz gut, aber er frage sich, was passiert, wenn die Temperaturen weiter sinken. „Es wird vielleicht alles noch schlimmer.“

Der Dreiundzwanzigjährige studiert Wirtschaftsingenieurwesen im siebten Semester an der Technischen Universität (TU) Darmstadt. Nicht nur für ihn persönlich sind die Zeiten schwer, auch seine Universität befindet sich in einer Notlage. Gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder ist er am Donnerstag zum Protest der Studenten und Beschäftigten der Uni gekommen. Es ist 13 Uhr, die Demons­tranten sind gerade am Luisenplatz in der Innenstadt eingetroffen. Sie haben Plakate mitgebracht, Trillerpfeifen, laute Musik. Sie rufen „Wir wollen studieren, ohne zu frieren“ und „Hessen, rück die Kohle aus, sonst gehen hier die Lichter aus“. Die Polizei spricht von rund 1000, die Veranstalter von 1500 Teilnehmern.

Eine umfassende Reihe von Problemen

Für die Protestaktion unter dem Motto „TUtalausfallverhindern“ haben sich Gewerkschaften, Fachschaften und Studentenverbände zusammengeschlossen. „Die Energiepreiskrise schlägt insbesondere an den Hochschulen zu Buche, die energieintensive Gerätschaften haben“, sagt Verdi-Vertreter Gabriel Nyc. Dazu zählt auch die TU, und es zeigt sich schon jetzt: Der universitäre Teilchenbeschleuniger wird aus Kostengründen zwei Monate länger außer Betrieb sein als sonst im Winter.

Eine zentrale Forderung haben die Demonstranten nicht, sie sehen eine ganze Reihe von Problemen: zu hohe Lebenshaltungskosten, zu niedriges Bafög und zu geringe Löhne, die häufig befristeten Verträge im akademischen Betrieb und nicht zuletzt die Sorge, dass die Uni zur Onlinelehre zurückkehren könnte, um Energie zu sparen. Vor wenigen Tagen hat die Universität Koblenz bekannt gegeben, den normalen Lehrbetrieb von Anfang Dezember bis Mitte Januar einzustellen, alle Veranstaltungen sollen digital stattfinden.

Für die Studenten der TU Darmstadt ist Koblenz ein abschreckendes Beispiel. Egal aus welcher Fachrichtung: Niemand erinnert sich gerne an Digitalvorlesungen. „Wir wollen keine Onlinelehre“, sagt die Architekturstudentin Katharina Hoff. „Aber es geht auch um mehr, darum, dass die Leute anständig beschäftigt werden, dass wir unter fairen Bedingungen studieren können.“ Die Unis würden von der Landesregierung „mal wieder“ völlig vergessen. Das Stichwort „20 Millionen Euro“ fällt unter den Studenten immer wieder. Ein Haushaltsdefizit in dieser Größe droht der Universität nach eigener Aussage. Wer dafür aufkommen soll? „Wir brauchen einfach Geld vom Land“, fasst Hoff den Standpunkt der Demons­tran­ten zusammen. Nach Ansicht der 25 Jahre alten Studentin merkt man derzeit besonders, wie sehr die verschiedenen Forderungen an die Hochschule und die Landesregierung zusammenhängen: Die Energiesparmaßnahmen der Universität wirkten sich direkt auf die Qualität ihres Studiums aus. „Es ist sehr kalt“, sagt sie. Die Heizung laufe tagsüber bis 17 Uhr auf 19 Grad, danach werde sie ausgestellt. Häufig arbeiteten die Architekturstudenten aber nachts. Weil manche Gebäude aus Beton und denkmalgeschützt seien, kühlten sie regelrecht aus.

Studentenjobs werden als erstes gestrichen

Auch wird den Studenten zufolge derzeit diskutiert, ob die Nutzung mancher Arbeitsplätze in der Universität eingeschränkt werden könnte. „Das würde bedeuten: Wir haben keinen Platz mehr zum Arbeiten“, sagt Hoff. Ihr Kommilitone Eric Schaab ergänzt: „Wir brauchen den Austausch Mensch zu Mensch.“ Auch die Computerprogramme, die man im Fach zum Studieren brauche, könne man sich nicht ohne Weiteres zu Hause runterladen.

Auch die Mathematikstudenten machen sich Sorgen. Marek Greulich studiert im ersten Semester und sagt, die Übungsgruppen und Sprechstunden seien essenziell, um das Studium überhaupt zu schaffen. Die würden aber häufig von Studenten aus höheren Semestern geleitet. Das seien Jobs, die zuerst wegfallen könnten, wenn es darum gehe, Kosten zu sparen. Carl Mundfrom ist bereits im Mathematik-Master, er wünscht sich mehr Energiesubventionen für die Hochschule. „Die Uni hat ihr eigenes Blockheizkraftwerk“, sagt er, und beziehe darüber zum größten Teil ihre Energie. Die Gaspreisbremse nutze ihr nichts.

„Ich hatte zehn Jahre lang befristete Verträge“

Auch langjährige Mitarbeiter der Universität protestieren. „Ich hatte zehn Jahre lang befristete Verträge und bin jetzt froh, dass ich einen unbefristeten habe“, sagt eine 55 Jahre alte Mitarbeiterin im Fachbereich Elektrotechnik, die anonym bleiben will. „Es gibt genug Kollegen, die haben das nicht.“ Die Kürzungen würden kommen, das sei unvermeidbar. Für ihre Arbeitsgruppe bedeute das eine höhere Belastung. Auch Klaus Hofmann, Professor für Elektrotechnik, sieht das Problem. „Wir brauchen eine auskömmliche Finanzierung für unsere grundständige Lehre und Forschung.“ Einsparungen ließen sich nicht auf dem Rücken der Studenten austragen.

Nach der Veranstaltung gibt sich Gewerkschafter Nyc zufrieden. „Es war ein voller Erfolg“, sagt er. Er hatte zu Beginn mit nur etwa 500 Teilnehmern gerechnet. Nun sei er gespannt, welche Wirkung die Aktion haben werde. „Der spannende Teil fängt jetzt erst an.“

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