Der Altphilologe Joshua Katz wird an der Universität Princeton entlassen – ein Fall von Cancel Culture?

Princeton hat Ende Mai den Altphilologen und Linguisten Joshua Katz entlassen. Katz, ein renommierter Gelehrter, war bis dahin Cotsen Professor in the Humanities und in Princeton wiederholt für seine Verdienste in der Lehre ausgezeichnet worden. Besondere Brisanz gewinnt die Entlassung durch die Begründung mit einem Fall von „sexual misconduct“ und durch die Kritik, die Katz in den letzten Jahren an der Kultur politischer Korrektheit geübt hat. 2018 führte die Universität eine Untersuchung über eine Beziehung durch, die Katz 2006 und 2007 mit einer Studentin gehabt hatte. Die Studentin, mittlerweile eine Alumna, wollte nicht in das Verfahren hineingezogen werden, aber Katz bekannte sich schuldig und wurde für ein Jahr ohne Gehalt suspendiert, ohne dass die Vorwürfe an die Öffentlichkeit drangen. Die Universität leitete eine neue Untersuchung ein, als eine Studentenzeitung den Fall publik machte und nun die Alumna anfing, Vorwürfe zu erheben, unter anderem, dass Katz sie während ihrer Beziehung vor anderthalb Jahrzehnten davon abgehalten habe, psychologische Hilfe zu suchen.

Der Fall hat in den Vereinigten Staaten eine heftige Kontroverse ausgelöst. Kritiker sehen zum einen einen Verstoß gegen den Rechtsgrundsatz „Ne bis in idem“ („Nicht zweimal gegen dasselbe“). Katz werde nun ein zweites Mal für einen Regelverstoß bestraft. Die Verteidiger des zweiten Verfahrens wenden dagegen ein, es sei um neue Vorwürfe und die Unehrlichkeit von Katz im ersten Verfahren gegangen. Zum anderen wird kritisiert, Katz’ Verstoß gegen die ethischen Grundlinien von Princeton sei nur ein Vorwand, der eigentliche Grund für das neue Verfahren seien seine Interventionen im Kulturkampf. Damit verstoße die Universität selbst gegen ihre Regeln zur Redefreiheit. Die Vertreter von PEN America sprachen von einem „verstörenden Präzedenzfall für die akademische Freiheit“, der eine „eisige Wirkung auf Fakultätsmitglieder an Universitäten haben wird, die vorgeben, freie Rede und akademische Freiheit zu verteidigen“. Intersektionalität, die Überschneidung verschiedener Kategorien der Diskriminierung gegen eine Person, ist ein zentrales Konzept der Identitätspolitik geworden. Ist es auch auf „Täter“ anzuwenden?

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.