In meiner neuen Heimat angekommen, stand ich mit meinen Koffern am Bahnhof einer Kleinstadt in Bayern und war einfach überwältigt. Ich wurde sofort von einer freundlichen jungen Frau angesprochen, die sich als Studentin aus Italien vorstellte und mir ihre Hilfe anbot. Diese erste zufällige Begegnung hinterließ bei mir einen tiefen Eindruck.
Es war das erste Mal, dass ich einen anderen Studenten meiner Universität traf. Nach dieser freundschaftlichen Begegnung hatte ich das Gefühl, dass wir Menschen – unabhängig von unserer Nationalität – einander verstehen und leicht besser kennenlernen können, unsere Regierungen uns jedoch voneinander trennen.
Es dauerte Jahre, bis ich mich wirklich frei fühlte. Ja, jetzt war ich „frei“ – aber was bedeutete das überhaupt? Ich hatte zunächst keine Ahnung. Mir wurde auch klar, wie tief ich das Konzept der Zensur verinnerlicht hatte, als ich meine Doktorarbeit schrieb. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass ich mich selbst zensieren musste. Mit der Zeit fand ich jedoch Worte für das, was ich wirklich sagen wollte.
Als ich meine Doktorarbeit abschloss, wurde mir klar, dass ich Journalistin werden wollte. ein Beruf, der mir im Iran nicht offengestanden hätte. Dort gibt es keine Pressefreiheit. Journalisten arbeiten nicht unabhängig wie in Deutschland, sondern werden vom Regime kontrolliert. Wer kritisch berichtet, riskiert seine Freiheit oder sein Leben. Ich habe erlebt, wie Freunde verhaftet wurden, weil sie über Themen wie Drogenmissbrauch oder Kinderarbeit geschrieben hatten.
Jetzt, nachdem ich 13 Jahre lang in Deutschland gelebt und gearbeitet habe, erkenne ich, dass die Meinungsfreiheit zwar durch das deutsche Grundgesetz geschützt ist, es aber gewisse gesellschaftliche und mediale Sensibilitäten gegenüber einer Reihe politischer Themen gibt, die den Rahmen der Debatte beeinflussen. Gerade in der journalistischen Berichterstattung und öffentlichen Diskussion zum Nahen Osten – zum Beispiel über den Iran-Konflikt oder den Krieg in Gaza – ist mir eine spürbare Zurückhaltung gegenüber harscher Kritik an der israelischen Politik bewusst.
Gleichzeitig hat dieses Thema eine persönliche Dimension. Ich mache mir Sorgen um meine Familie im Iran, die inmitten von Krieg und Unterdrückung lebt. Besonders besorgniserregend ist, dass die junge Generation jegliche Hoffnung verliert. Meine Nichten und Neffen sind noch Teenager, haben ihre Träume aber bereits aufgegeben. Ich hoffe, dass sie eines Tages das erleben können, was ich konnte – ein Leben in Freiheit und die Möglichkeit, ihre Ziele zu erreichen.
