Hat sich der Druck auf Frauen verändert oder nur modernisiert?
Die Frauen meiner Generation und früher kommen aus Familien mit vielen Nachkriegstraumata. Ein Symptom ist tatsächlich die sogenannte Parentifizierung (eine Rollenumkehr innerhalb der Familie, bei der Kinder die Verantwortlichkeiten der Eltern übernehmen, Anm. d. Red). Ich glaube aber auch, dass meine Generation die Erste ist, die in der Lage sein wird, diese dicke fiese Filzdecke abzustreifen.
Wir sind mutig genug, genau hinzusehen und das sichtbar zu machen, was lange im Dunkeln lag. Ich liebe es, überall die lauten Stimmen zu hören, weil ich davon überzeugt bin, dass nur die Anerkennung von dem, was war, auch wirklich eine Veränderung vorantreiben kann. Dennoch ist der Druck meines Erachtens sogar stärker geworden, kommt aber mit einem Beautyfilter daher, sodass man ihn nicht gleich als Gefahr erkennt, sondern geblendet ist vor lauter Schönheit.
Welche Rolle spielen soziale Medien dabei?
Wir wissen, dass die Anzahl der Schönheits-OPs parallel zu Social Media gewachsen ist. Früher war das vielleicht was für Hollywood. Heute machen Influencerinnen wie Bianca Heinicke Videos über ihre Brust- und Nasen-OPs und Menschen schauen dabei zu, wenn Twenty4Tim sich äußerlich „optimiert“. Je öfter wir etwas sehen, desto normaler kommt es uns vor. Deswegen wäre es einerseits toll, wenn wir eine größere Diversität in den Medien hätten, andererseits sehen wir gerade im Reality-TV immer weniger Diversität, was Körper angeht.
Frauen müssen immer noch um Erlaubnis bitten, laut zu sein. Das Gute ist jedoch, dass man durch Sichtbarkeit auch Sicherheit erreichen kann.
Ruth Moschner
Sie berichten auch von einer Vergewaltigung, die Sie erlebt haben, und von Machtmissbrauch von Männern im Beruf. Was haben solche Erlebnisse rückblickend mit Ihnen gemacht?
Gewalterfahrungen und Machtlosigkeit sind schlimm, die vergisst man einfach nicht. Mir ist aber auch klar geworden, wie wahnsinnig dankbar ich für mein Umfeld bin: Ich hatte immer tolle Freund:innen an meiner Seite, die für mich da waren. Das ist das wahrscheinlich Wertvollste in meinem Leben. Klar muss man seine Hausaufgaben selbst machen, aber ein liebevoller Austausch, Verständnis oder einfach eine Person, die zuhört, ohne zu werten, ist doch das Schönste. Diese Handvoll Leute, die ich nachts um drei anrufen kann, ist echt stabil. Dass ich über meine Erfahrungen im Buch schreibe, wird hoffentlich nicht als Einladung für die Yellowpress interpretiert, Grenzen des guten Benehmens zu überschreiten. Ich möchte sensibilisieren und darauf aufmerksam machen, wie viele Frauen diese Erfahrung machen mussten.









