Frau Oertelt-Prigione, warum können Menschen je nach Geschlecht eine Erkrankung unterschiedlich erleben?
Weil Biologie und soziale Faktoren zusammenwirken. Biologisch gesehen spielen beispielsweise Hormone, Genetik und Anatomie eine Rolle für die Gesundheit. Dies beeinflusst, wie das Immunsystem oder das Herz-Kreislauf-System reagiert. Gleichzeitig wirken sich auch soziale Faktoren auf die Gesundheit aus. Das Ausmaß der körperlichen Betätigung oder Risikoverhaltens wie Rauchen und Alkoholkonsum ist zwischen den Geschlechtern noch immer unterschiedlich – und auch Faktoren wie arbeitsbedingter Stress, Lebensumstände oder Luftqualität wirken sich auf den Körper aus. Darüber hinaus gibt es strukturelle Faktoren wie Einkommensunterschiede, Armutsrisiko sowie Erfahrungen mit Diskriminierung und Gewalt, die sich alle auf die Gesundheit und den Zugang zu medizinischer Versorgung auswirken.
Wo ist heute am deutlichsten zu erkennen, dass die Medizin lange Zeit auf dem „männlichen Standard“ basierte?
Besonders deutlich wird es, wenn man sich anschaut, was lange Zeit als „forschungswürdig“ galt. Vielerorts durften Frauen bis Anfang des 20. Jahrhunderts nicht einmal in der Medizin arbeiten, und es sind die Menschen, die in Entscheidungsgremien sitzen, die beeinflussen, welche Fragen gestellt werden. Fehlt Diversität, kommen bestimmte Themen gar nicht erst auf die Tagesordnung. Eine Folge davon ist, dass einige Krankheiten und Lebensphasen jahrelang kaum erforscht wurden – darunter Endometriose, die mit den Wechseljahren einhergehenden Symptome und das Lipödem, eine schmerzhafte Störung der Fettverteilung, von der fast ausschließlich Frauen betroffen sind.









