Die Organisation HateAid will Betroffene digitaler Gewalt beraten, muss sich dabei aber gegen immer mehr Vorwürfe und Angriffe wehren. t-online hat Chefin Josephine Ballon damit konfrontiert.
Einreiseverbot aus den USA, Zensurvorwürfe, persönliche Angriffe: Für Josephine Ballon ist ihre Arbeit als eine von zwei Geschäftsführerinnen von HateAid ungemütlich geworden. Die gemeinnützige Organisation zur Unterstützung von Betroffenen digitaler Gewalt steht unter starkem Beschuss von Akteuren, die in der Arbeit einen Angriff auf die Meinungsfreiheit sehen.
Im vergangenen Jahr hat sich die Lage zugespitzt, erzählt Ballon. Im Interview spricht sie über die Folgen der US-Sanktion, die wachsende Ablehnung ihrer Organisation, über Collien Fernandes, Julian Reichelt und über Hausdurchsuchungen sowie das Vorgehen nach einem „Schwachkopf“-Meme zu Robert Habeck.
t-online: Frau Ballon, kurz vor Weihnachten 2025* haben Sie erfahren, dass Sie der US-Regierung ein Dorn im Auge sind und sanktioniert werden. Wie haben Sie sich gewappnet?
Josephine Ballon: Ich kann nicht alles öffentlich sagen, und wir wissen nicht, was noch kommt. Bei dem möglichen Risiko, von IT-Infrastruktur abgeschnitten zu werden, ist es klar: So gut es geht, versuchen wir uns von US-Service-Providern unabhängig zu machen. Bei Bankkonten kann man nur versuchen, sich breiter aufzustellen, sodass man durch eine Kündigung nicht so angreifbar ist. Und wir versuchen gerade sicherzustellen, dass wir als HateAid Gehälter auch dann noch zahlen können, sollten unsere Konten weg sein.
Ganz überraschend kam der Schritt nicht. JD Vance hatte der EU-Kommission im Februar 2025 in München vorgeworfen, die Meinungsfreiheit durch ihr Vorgehen gegen soziale Netzwerke einzuschränken. HateAid wirkt bei der Umsetzung dieser EU-Regeln als „Trusted Flagger“ mit.
Und von mir ist zwei Tage vor der Vance-Rede ein verkürzter Ausschnitt aus einem CBS-Interview weit verbreitet worden. Darin sage ich, dass Meinungsfreiheit Grenzen braucht. Wir hatten im Mai 2025 dem Team auch bereits gesagt, dass es keine Dienstreisen in die USA mehr geben wird und bei Privatreisen dienstliche Geräte nicht mitgenommen werden dürfen. Überrascht haben uns Zeitpunkt und die öffentlichkeitswirksame Verkündung des Einreiseverbots – das ist unüblich.
Sie und Ihre Co-Geschäftsführerin wurden vom US-Außenministerium mit drei weiteren Personen herausgegriffen, darunter der frühere EU-Kommissar für Digitales, Thierry Breton.
Das hat wirklich Schaden angerichtet. Von einer Abweisung an der Grenze hätte keiner erfahren. So hat man die öffentliche Aufmerksamkeit auf uns gelenkt und uns markiert, auch als Warnung an andere. Das hat unseren bisher schlimmsten Shitstorm ausgelöst. Aber zur gleichen Zeit auch den größten Lovestorm.










