Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,

zum Start in die Woche ein kleiner Blick hinter die Kulissen von t-online: Redaktionsintern ist es hinlänglich bekannt, dass mein Kurzzeitgedächtnis mitunter unzuverlässiger ist als das des scheidenden Regierenden Bürgermeisters von Berlin (auch ohne Tennisspiel). Dafür aber bleiben Zahlen und Zitate noch Jahrzehnte zurück stets parat und, nun ja, zähl- und zitierbereit.

Am Rande des packenden Endspiels der Fußball-Weltmeisterschaft am Sonntagabend deutscher Zeit fiel mir wohl auch deshalb ein ganz wunderbarer Satz des großen Dieter Hildebrandt ein. Der 2013 verstorbene Kabarettist war eine Institution seines Fachs. Sozialdemokratisch beseelt, gern polemisch, nie populistisch, aber stets mit messerscharfem Verstand. Und: Mit der feinen Klinge, die heutigen Formaten wie der „Heute-Show“ oder „Extra 3“ fehlt. Diese haben sich mit ihrem Publikum stattdessen auf den kleinsten gemeinsamen Nenner verständigt und fördern durch ihre unerbittliche Pauschalisierung des Politikbetriebs als unfähig, eigensinnig und korrupt die ohnehin grassierende Politikverdrossenheit nur noch weiter.

Sportbegeistert: Dieter Hildebrandt galt als Fußball- und Tennisfan. (Quelle: United Archives / kpa via www.imago-images.de/imago-images-bilder)

In der ehrwürdigen Sendung „Scheibenwischer“, durch die Hildebrandt lange Jahre führte, ging es einst um die Aufarbeitung des Bankenskandals in Berlin. Dieser hatte ab 2001 die Gerichte beschäftigt und brachte letztlich den langjährigen Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen mit seiner Großen Koalition zu Fall. Hildebrandt sagte mit der ihm eigenen, echten Empörung über die folgenden, oftmals undurchsichtigen Vorgänge in der Jahre dauernden Aufarbeitung einen Satz, der auch mit Blick auf dieses WM-Finale passt – oder besser: mit Blick auf zwei Personen auf der Tribüne im Metlife Stadium von East Rutherford bei New York.

„Es gibt Menschen, die noch an den Gittern verdienen, hinter die sie gehören.“

Denn zu oft bestimmten bei dieser WM – bei allen sportlichen Glanzlichtern – US-Präsident Donald Trump und Gianni Infantino, der windige wie allgegenwärtige Chef des Fußball-Weltverbands Fifa, die Schlagzeilen. Der Fußball hat sich mit der Willkür, mit dem Hang seines mächtigsten Mannes zum Herumkumpeln mit Rechtspopulisten und Autokraten, mit dessen Amtsführung nach Gutsherrenart endgültig arrangiert.

Fußball unter Infantino ist nunmehr das sportliche Äquivalent zur Politik Trumps – und wie der US-Präsident sich die einst in großen Teilen achtbaren Republikaner untertan gemacht und sie in seinen Abgrund aus enthemmter Verachtung, Opportunismus und moralischem Irrsinn gezogen hat, so hat der Schweizer Infantino die Landesverbände dieser Welt gefügig gemacht. Selten wurde diese Bankrotterklärung so deutlich wie während dieser WM. Es war ein Kotau des Sports.

Nicht zum Schießen: US-Präsident Trump (l.) und Fifa-Chef Infantino hinter kugelsicherem Glas beim WM-Finale. (Quelle: IMAGO/LAVANDEIRA JR/imago-images-bilder)

Auf die Frage, wer Infantino und seine bedingungslose Kapitalisierung des Fußballs noch aufhalten könnte, ist die Antwort final: Niemand – weil ihn offenbar niemand wirklich aufhalten will. Infantino kann tun, was er will.

Denn der Großteil der Fußballwelt ist ihm in inniger Dankbarkeit ergeben. Gerade in Südamerika, Afrika und Asien erfreut sich der Geschäftemacher größter Beliebtheit. Warum auch einen Präsidenten absetzen, der per Handstreich die WM von 32 auf 48 Teilnehmer erweitert und die Erlöse aus Vermarktung, TV-Verträgen und weiteren Einnahmequellen mit dem Füllhorn über ihnen ausschüttet? Insgesamt mehr als 760 Millionen Euro verteilt die Fifa an die 48 Verbände der qualifizierten Teams, der neue Weltmeister alleine erhält daraus gut 44 Millionen. Am Sitz des Weltverbands in Zürich wird gar mit einem WM-Erlös von über 13 Milliarden Euro kalkuliert.

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Und ein Ende des Größenwahns ist nicht in Sicht: „Nach der WM müssen wir überlegen, auf jeden Fall“, sagte Infantino erst vor wenigen Tagen auf die Frage nach einer erneuten Erweiterung auf sogar 64 Mannschaften. Ganz nebenbei wird übrigens auch diskutiert, die Sperre gegen Russland, die wegen des brutalen Angriffskriegs gegen die Ukraine verhängt wurde, wieder aufzuheben. Natürlich. Und die nationalen Verbände gehen mit.

So konnte Infantino während dieser WM den vor allem in Europa entfesselten Furor aussitzen, der durch seine Entscheidung ausgelöst wurde, die Rote Karte für US-Nationalspieler Folarin Balogun aus dem Sechzehntelfinale des Gastgebers gegen Bosnien-Herzegowina zur Bewährung auszusetzen – nach einem Telefonat mit Trump. Eine schlüssige Begründung für diese beispiellose Untergrabung der Integrität der Schiedsrichter fehlt daher wenig überraschend bis heute.

Infantino vergaß auch rund um das Einreiseverbot der USA gegen den eigentlich für die WM eingeplanten somalischen Schiedsrichter Omar Artan, dass er noch 2017 gesagt hatte: „Es ist offensichtlich, dass alle Teams, Funktionäre und Fans Zugang zum Ausrichterland haben müssen. Sonst gibt es keine WM, das ist klar.“ Ist klar – solange der befreundete Möchtegern-Autokrat nicht vergrätzt wird.

Platzverweis: Der US-Amerikaner Folarin Balogun (l.) kam nach seiner Roten Karte für dieses Foul gegen Bosnien-Herzegowina nicht wieder richtig in Tritt. (Quelle: IMAGO/Kai River Kanzer/imago-images-bilder)

Der „Zugang“ ist ein weiteres Thema. Über ein von der Fifa eigens für die WM eingeführtes Weiterverkaufsportal wurden Tickets zu Preisen im Bereich zwischen Neuwagen und Luxusvilla angeboten. Der Weltverband strich pro überteuert verhökerter Eintrittskarte schließlich üppige 15 Prozent Gebühr ein.

Eine Meldung ging in den Tagen rund um das WM-Finale übrigens fast unter: Über 200 der insgesamt 211 Mitgliedsverbände der Fifa sollen die Wiederwahl des Schweizers im kommenden Jahr unterstützen, berichteten sowohl der britische „Guardian“ als auch die Deutsche Presse-Agentur. Im März 2027 will sich Infantino beim Fifa-Kongress in Rabat erneut zum mächtigsten Mann des Fußballs krönen lassen – sein Erfolg ohne Gegenkandidaten gilt schon jetzt nur noch als Formsache.

Infantino nähert sich Trump indes auch in Wortwahl und Duktus immer weiter an: „Dies war und ist nicht nur die großartigste Weltmeisterschaft aller Zeiten. Es ist das großartigste menschliche, soziale und kulturelle Ereignis, das die Menschheit je erlebt und gesehen hat“, sagte Infantino bei einem gemeinsamen Termin in New York am Tag vor dem Finale. Die Menschheit wäre zu bemitleiden, wäre ein sechswöchiges Fußballturnier tatsächlich ihr universaler Zenit. Trump brauche zwar „keine Komplimente“, fuhr Infantino fort und wandte sich direkt an seinen Kumpan, „aber diese Weltmeisterschaft wäre ohne Sie nicht so ein unglaublicher Erfolg gewesen“. Seine schwer erträgliche Lobhudelei schloss er mit der Feststellung ab, die Fifa sei „der offizielle Glücksversorger der Menschheit“.

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