Was treibt Menschen dazu, ihrem engsten Partner Gewalt anzutun? Ein Experte erklärt, welche Auslöser es gibt und welche sozialen und psychischen Dynamiken dahinterstecken können.
Die Schauspielerin und Moderatorin Collien Fernandes hat Anzeige gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen erstattet. Sie erhebt schwere Vorwürfe gegen ihn. Er soll laut Fernandes unter anderem über Jahre digital gefälschtes sexuelles Bildmaterial von ihr im Netz verbreitet haben. Mehr dazu lesen Sie hier. Ob sich diese Vorwürfe bestätigen, ist offen – für Ulmen gilt die Unschuldsvermutung.
Dennoch hat die Meldung große öffentliche Empörung ausgelöst. Und wie bereits der Fall Pelicot in Frankreich wirft auch dieser Fall Fragen nach gesellschaftlichen Ursachen und Voraussetzungen auf. Antworten zu den Hintergründen von Gewalt in Paarbeziehungen kennt der Sexualwissenschaftler Heinz-Jürgen Voß, der unter anderem zu häuslicher und sexualisierter Gewalt forscht
t-online: Herr Professor Voß, was treibt Menschen – insbesondere Männer – dazu, in einer Paarbeziehung Gewalt gegenüber der Person auszuüben, die ihnen am nächsten steht?
Heinz-Jürgen Voß: Gewalt in einer festen Beziehung ist recht häufig. Etwa jede zweite Frau hat bereits Gewalt in der Beziehung erlebt. Die Gewalt kann dabei verbal beziehungsweise psychisch sein – etwa in Form von Bedrohungen. Oder sie kann körperlich oder sexuell sein. Grundlegend sollten wir anerkennen, dass es sich bei Partnerschaftsgewalt um ein großes Problem handelt. Sie basiert auf einer großen Männerdominanz in der deutschen Gesellschaft. Männer glauben noch zu oft, einen Anspruch auf Frauen und ihren Körper zu haben.
Was sind häufige Auslöser für die Gewalttaten?
Unspezifische Auseinandersetzungen und Überforderungen, aber auch konkrete Konfliktthemen wie Streit mit der Verwandtschaft, Alkoholkonsum und sexuelle Themen, etwa Lustlosigkeit oder Erektionsprobleme. Darüber hinaus werden von den betroffenen Frauen Themen genannt, die direkt die Beziehung betreffen: Eifersucht, Trennungsabsicht und Lebensereignisse wie Hochzeit, das Beziehen einer gemeinsamen Wohnung, die Geburt eines zweiten oder dritten Kindes.
Gibt es Persönlichkeitsmerkmale, die für gewalttätige Männer in Paarbeziehungen typisch sind?
Gewalt ist noch so häufig, dass man nicht auf eine Gruppe eingrenzen sollte. Gewalt wird sowohl in Beziehungen erlebt, in denen die finanzielle Situation gut ist, als auch in solchen mit schlechter; der Bildungsstand kann hoch oder gering sein.
Gibt es trotzdem Auffälligkeiten?
Ja. Ein, zwei Zusammenhänge lassen sich zeigen. Die Herkunftsbedingungen sind bedeutsam: Bei strenger oder auch gewaltsamer Erziehung ist im weiteren Lebensverlauf sowohl Partnerschaftsgewalt als auch sexualisierte Gewalt häufiger. Sind mehrere Kinder in der Beziehung vorhanden, ist die Wahrscheinlichkeit von Partnerschaftsgewalt ebenfalls deutlich höher, als wenn es keine Kinder oder ein Kind in der Beziehung gibt. Schaut man konkret auf die Männer, dann kann ein traditionelles Männlichkeitsbild mit einer Anspruchshaltung, die Frau „zu besitzen“, relevant sein.
Ist das der Grund dafür, dass sexualisierte Gewalt vorwiegend von Männern ausgeht?
