Mit Wäldern und Heidelandschaften zwischen schroffen Klippen im Norden und Sandstränden im Süden ist Bornholm eines der beliebtesten Urlaubsziele Dänemarks. Doch mittlerweile lockt die Insel neben Touristen auch Energiekonzerne an. Die „Sonneninsel“ erfindet sich als „Energieinsel“ neu: Der Strom aus drei geplanten Offshore-Windparks wird hier gebündelt und über Seekabel nach Deutschland und Dänemark verteilt. Es wird genug Strom produziert, um mehr als vier Millionen Haushalte zu versorgen.
Anfang dieses Jahres einigten sich beide Länder auf eine Kostenaufteilung. Nun kann das milliardenschwere Projekt starten. „Eine neue Ära der Vernetzung und der gemeinsamen Energiesicherheit“, so beschrieb der dänische Energieminister Lars Aagaard die Vereinbarung. Seine deutsche Amtskollegin Katherina Reiche betonte die Bedeutung des Projekts für die Souveränität Europas: „Grenzübergreifende Projekte wie dieses verringern kritische Abhängigkeiten, stärken unsere strategische Autonomie und machen uns widerstandsfähiger gegen politischen und wirtschaftlichen Druck.“
370 Kilometer Seekabel
Erstmals wird der von Windkraftanlagen im Meer erzeugte Strom nicht nur an einem Punkt gebündelt, sondern auch direkt an zwei Länder verteilt. Der Vorteil dabei ist, dass die Energie direkt dorthin fließen kann, wo sie gerade am meisten benötigt wird. Und dank der Verbindungsleitung auf Bornholm entsteht eine zusätzliche internationale Stromroute, die das europäische Stromnetz widerstandsfähiger macht.
Technisch gesehen wird der neue Energieknotenpunkt in der Ostsee wie folgt funktionieren: Der Strom aus den drei Windparks wird über Wechselstromkabel nach Bornholm transportiert. Dort werden Konverter und Umspannwerke gebaut. Der Strom wird dann mit Hochspannung über Gleichstromleitungen weitergeleitet, wodurch Verluste minimiert werden. Die Seekabel zur dänischen Hauptinsel Seeland werden rund 200 Kilometer lang sein, während die Kabel für den Stromtransport nach Mecklenburg-Vorpommern in Deutschland eine Strecke von mehr als 170 Kilometern zurücklegen werden. Auf dem Festland werden Umspannwerke den Strom auf die für die nationalen Netze geeignete Spannung bringen.
Der Löwenanteil des Windstroms soll nach Deutschland fließen und dort die Energiewende vorantreiben. Nach Angaben des Umweltbundesamtes hatten erneuerbare Energien im vergangenen Jahr einen Anteil von gut 55 Prozent am Strommix. Nach Ansicht der Bundesregierung ist Offshore-Wind der beste Weg, diesen Wert zu steigern. Die installierte Leistung soll von derzeit knapp zehn Gigawatt auf 70 Gigawatt bis 2045 steigen. In Dänemark machen erneuerbare Energien bereits rund 80 Prozent des Stromverbrauchs aus – womit das Land in diesem Bereich EU-Spitzenreiter ist.
Die Europäische Union fördert die Vernetzung
Der deutsche Stromübertragungsnetzbetreiber 50 Hertz, der das Projekt gemeinsam mit Energinet aus Dänemark umsetzen wird, rechnet mit der Inbetriebnahme im Jahr 2034. Nach Angaben von 50 Hertz dürfte das Projekt rund sieben Milliarden Euro kosten. Die EU beteiligt sich mit 645 Millionen Euro. Derzeit investiert der Block insgesamt 1,25 Milliarden Euro in 41 grenzüberschreitende Energieinfrastrukturprojekte. Diese Investition in eine stärkere Vernetzung zielt darauf ab, Europa in einer Zeit zunehmender geopolitischer Spannungen weniger abhängig von Energieimporten zu machen.
Die Pläne für Bornholm gehen über den Stromsektor hinaus. Außerdem ist geplant, auf der Insel eine Anlage zu bauen, die überschüssigen Windstrom in Wasserstoff umwandelt. Auch grenzüberschreitende Pipelines sollen gebaut werden. Insbesondere Deutschland setzt bei der Stromerzeugung auf Gaskraftwerke, wenn Windkraftanlagen und Photovoltaikanlagen nicht ausreichen. Bisher wurde hierfür vor allem Erdgas eingesetzt. Klimaneutraler Wasserstoff kann auch in der Industrie eingesetzt werden – etwa in der Stahl- oder Chemieproduktion.
Impulse für neue Arbeitsplätze
Auch aus dem Gesamtprojekt werden wirtschaftliche Impulse erwartet. Beteiligt sind zahlreiche Unternehmen. Beispielsweise wurde Siemens Energy mit dem Bau der Konverter und Umspannwerke beauftragt. NKT aus Dänemark wurde mit der Bereitstellung der Kabelverbindungen auf dänischer Seite beauftragt. Einem Bericht zufolge könnten allein auf Bornholm 900 neue Arbeitsplätze entstehen. 50-Hertz-Geschäftsführer Stefan Kapferer spricht von einem „Signal für die Offshore-Industrie in ganz Europa“.
Künftig könnten Energieinseln auch künstlich geschaffen werden. Dänemark plant eine solche Insel 80 Kilometer vor der Küste Jütlands in der Nordsee. Es wird erwartet, dass auch andere Länder an diesem Projekt beteiligt werden. Besonders großes Potenzial für die Windkraft sehen Experten in der raueren Nordsee.
Insgesamt grenzen sieben Länder an die Nordsee. Gemeinsam mit anderen Ländern wollen sie neue Offshore-Windparks bauen und 100 Gigawatt Strom über grenzüberschreitende Netze verfügbar machen. Zum Vergleich: Bornholm wird voraussichtlich rund drei Gigawatt produzieren. Das politische Engagement soll der Branche mehr Planungs- und Investitionssicherheit verschaffen. Beim Nordseegipfel Anfang 2026 in Hamburg, bei dem auch die endgültige Einigung zur Energieinsel Bornholm erzielt wurde, war von rund 91.000 zusätzlichen Arbeitsplätzen die Rede.











