Elektrik statt Metall

Mercedes bringt Lenkung ohne Lenksäule


07.04.2026 – 14:32 UhrLesedauer: 2 Min.

Lenk-„Rad“ ohne mechanische Verbindung zu den Rädern: Im Mercedes EQS wird „Steer-by-Wire“ bald in Serie erhältlich sein. (Quelle: Mercedes-Benz AG – Communications & Marketing)

Mercedes führt ein neues Lenksystem ein. Was die Technik kann und wo ihre Grenzen liegen.

Mercedes bringt als erster deutscher Hersteller eine Lenkung ohne mechanische Verbindung zwischen Lenkrad und Vorderrädern in die Serie. Das sogenannte Steer-by-Wire-System soll zunächst im elektrischen EQS angeboten werden.

Die Technik verändert ein zentrales Bauteil des Autos grundlegend: Statt einer Lenksäule überträgt ein elektronisches System die Befehle des Fahrers. Sensoren erfassen die Bewegung am Lenkrad, Steuergeräte wandeln sie in Signale um, Aktuatoren setzen sie an den Rädern um. Eine feste Verbindung aus Metall gibt es nicht mehr.

Das hat direkte Folgen für die Bedienung. Beim Rangieren oder in engen Kurven entfällt das bisher übliche Umgreifen. Kleine Lenkradbewegungen reichen aus, weil sich die Übersetzung flexibel an Geschwindigkeit und Situation anpassen lässt. Gleichzeitig filtert das System Einflüsse von der Fahrbahn heraus, die sonst als Vibrationen im Lenkrad spürbar wären.

Wie sich das anfühlt, beschreiben erste Testberichte als ungewohnt, aber schnell erlernbar. Nach kurzer Eingewöhnung lässt sich das Fahrzeug mit vergleichsweise geringem Lenkeinsatz präzise steuern. Vor allem in Kombination mit einer mitlenkenden Hinterachse wirkt die große Limousine deutlich handlicher.

Und wie steht es mit der Sicherheit? Hersteller setzen auf redundante Systeme. Heißt: Sensorik, Steuergeräte und Signalwege sind doppelt ausgelegt. Fällt ein Teil aus, übernimmt ein zweites, wie beim Flugzeug. Selbst für den unwahrscheinlichen Fall eines vollständigen Systemausfalls soll das Fahrzeug kontrollierbar bleiben – etwa über gezielte Bremseingriffe und die Hinterachslenkung. Auch die Airbag-Konstruktion musste angepasst werden, weil sich das Lenkraddesign verändert.

Rechtlich ist die Technik längst möglich. Die internationale Regelung ECE R79 erlaubt Lenksysteme ohne Lenksäule. Entwickler versprechen sich davon nicht nur mehr Freiheiten beim Fahrzeuglayout, sondern auch Vorteile bei Gewicht und Sicherheit. Zudem lassen sich Modelle einfacher für Rechts- und Linksverkehr anpassen.

Ganz neu ist das Prinzip nicht. In der Luftfahrt wird Fly-by-Wire seit Jahrzehnten eingesetzt, also die elektronische Steuerung ohne mechanische Verbindung. Im Auto blieb die Technik bislang die Ausnahme. Serienlösungen gibt es weltweit nur vereinzelt, etwa beim Infiniti Q50 oder beim Tesla Cybertruck. In speziellen Umbauten, beispielsweise für Menschen mit körperlichen Einschränkungen, sind solche Systeme dagegen schon länger verbreitet.

Mit dem Wegfall der Lenksäule verändert sich auch der Innenraum. Flachere Lenkräder sollen mehr Platz schaffen, den Blick auf Anzeigen verbessern und den Einstieg erleichtern. Gleichzeitig eröffnet die Technik Spielräume für künftige Fahrzeugkonzepte, etwa im Zusammenhang mit automatisierten Fahrfunktionen. Mercedes verspricht übrigens, dass sich statt des flachen Volants auch eine runde Version bestellen lässt. Bei Tesla hatte sich ein flugzeugähnliches Modell nicht durchgesetzt.

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