Inflationär gebraucht, aber unverzichtbar: Finanzkompetenz. Warum der Begriff oft überstrapaziert wird und welches Wissen Sie wirklich brauchen.
Die Bundesregierung mahnt, EU und Banken betonen es stetig: Finanzielle Bildung ist Pflicht. Doch was bedeutet das konkret? Welches Wissen hilft wirklich, fundierte finanzielle Entscheidungen zu treffen und langfristig Vermögen aufzubauen? Und warum investieren die Deutschen ihr Geld so selten am Kapitalmarkt?
Im Gespräch mit Sara Ravan Ramzani, Vizepräsidentin der Gisma University of Applied Sciences, beleuchten wir, wie Finanzbildung die Grundlage für eigenständige Entscheidungen schafft, welche Fehler Anleger häufig machen – und warum die Rentendebatte ohne ein besseres Verständnis von Geld und Anlageprodukten nicht zukunftsfähig ist.
t-online: In Deutschland liegt ein großer Teil des Geldvermögens privater Haushalte auf gering verzinsten Bankkonten, während die Amerikaner ihr Geld an der Börse investieren. Haben die Deutschen weniger Interesse daran, ihr Erspartes renditestark anzulegen?
Sara Ravan Ramzani: So würde ich das nicht sagen. Einer OECD-Analyse zufolge sparen fast 90 Prozent der Erwachsenen in Deutschland aktiv – das Interesse am Vermögensaufbau ist also durchaus vorhanden. Allerdings besitzen nur 18 Prozent Anlageprodukte wie Aktien, ETFs oder Fonds. Das Geld wird also gespart, fließt aber kaum in renditestarke Anlagen.
Zur Person
Prof. Dr. Sara Ravan Ramzani, Vizepräsidentin für akademische Angelegenheiten an der Gisma University of Applied Sciences, verantwortet die akademische Exzellenz und internationale Vernetzung der Hochschule. Ihre fachlichen Schwerpunkte liegen in den Bereichen Wirtschaftswissenschaften, Nachhaltigkeit und Public Policy.
Das hat sowohl kulturelle als auch strukturelle Gründe. Zum einen ist die Sparkultur in Deutschland traditionell konservativ geprägt – viele vertrauen eher dem Sparbuch als dem Kapitalmarkt und scheuen die Unsicherheit, die mit Aktien oder Fonds verbunden ist. Zum anderen setzt Deutschland stark auf die gesetzliche Rente als Altersvorsorge: Wer sich auf ein staatliches System verlassen kann, hat weniger Anreiz, zusätzlich am Kapitalmarkt Risiken einzugehen. Beides zusammen erklärt, warum das Ersparte selten in renditestarke Anlagen fließt.
Wie sieht das im Vergleich in den USA aus?
Dort ist die Altersvorsorge stärker privat organisiert: Arbeitgeber fördern über Modelle wie 401(k)-Pläne direkt den Einstieg in den Kapitalmarkt, oft automatisch über das Gehalt. Das senkt die Einstiegshürde erheblich. Nach Angaben der Federal Reserve besaßen 2022 58 Prozent der US-Familien direkt oder indirekt Aktien, entweder direkt im eigenen Depot oder indirekt über Fonds, Pensionskassen oder Altersvorsorgekonten, während nur 21 Prozent unmittelbar Aktien hielten – insgesamt ein deutlich höherer Anteil als in Deutschland.
Das heißt, Amerikaner verhalten sich klüger, wenn es um die Altersvorsorge geht?
Man darf strukturelle Faktoren und Interesse am Investieren nicht miteinander vermischen. Internationale Studien zeigen in beiden Ländern erhebliche Wissenslücken. Eine höhere Beteiligung am Aktienmarkt sollte daher nicht automatisch mit größerer Finanzkompetenz gleichgesetzt werden. Anders als beim deutschen System bietet das US-amerikanische Altersvorsorgesystem durch arbeitgebergestützte und steuerlich begünstigte Vorsorgemodelle mehr Möglichkeiten und Anreize. Ob Menschen am Kapitalmarkt investieren, hängt also nicht nur davon ab, was sie wissen, sondern auch davon, wie einfach und attraktiv das Finanzsystem ihnen das Investieren macht.
