Schon lange aber zieht Lucassen andere Grenzen als viele seiner Kollegen. Drei Jahre lang leitete er die AfD in Nordrhein-Westfalen, einen der größten und seit jeher zerrissensten Verbände der Partei. Auf dem Posten legte er sich erstmals öffentlich mit seinem Thüringer Amtskollegen Höcke an.
In einem Brandbrief an die Bundesspitze forderte Lucassen 2020 die Auflösung des von Höcke gegründeten „Flügels“. Den hatte der Verfassungsschutz kurz zuvor als „gesichert rechtsextrem“ eingestuft – unter anderem wegen „Agitation gegen Flüchtlinge und Migranten“ und der Abwertung von Muslimen. AfD-Mitglieder verließen deswegen damals noch in Scharen die Partei, auch in NRW.
Auch die AfD-Spitze, damals noch unter Jörg Meuthen, reagierte anders als heute. Sie übte Druck aus. Höcke kam dem nach, der „Flügel“ löste sich kurz darauf selbst auf. Lucassen gewann die Schlacht, aber nicht den Krieg: Meuthen verließ 2022 die Partei. Personal und Ideologie des „Flügels“ blieben und bestimmen seither in Ost wie West zunehmend Kandidatenlisten, Programm, Agenda, Nachwuchsförderung der Partei.
„Millionenfache Remigration“ fordern sie heute und zwingen die Gesamtpartei auf diesen juristisch gefährlichen Kurs. Lucassen hat die Losung noch nie genutzt. Das würde er nie, sagt er, obwohl auch er natürlich die Massenmigration beenden wolle. Aber: „Man muss die Sache differenzierter betrachten“, findet er.
Doch Rüdiger Lucassen geht strategisch vor. Der ehemalige Soldat sucht sich seine Gefechte gezielt aus. Die Remigration gehört nicht dazu. Er kämpft gegen Höcke auf dem Grund, den er am besten kennt: der Verteidigungspolitik. Anlass dazu gibt es genug, Höcke und seine Getreuen, die auch im Bundestag stark vertreten sind, mischen sich dort immer wieder ein.
Die Thüringer verhinderten im Oktober einen Beschluss der AfD-Fraktion zur Wiedereinführung der Wehrpflicht. Den Antrag hatten Lucassen und die Verteidigungspolitiker vorbereitet, um die Regierungskoalition vor sich herzutreiben, die selbst mit sich um den Wehrdienst rang. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit für eine Oppositionspartei – die Forderung ist seit jeher festgeschrieben in den AfD-Programmen. Doch die Parteispitze kippte. Ein herber Schlag für Lucassen.











