Noch ist Zeit zu handeln
Zwei Bedrohungen könnten die Menschheit auslöschen
14.10.2026 – 18:40 UhrLesedauer: 4 Min.

Eine internationale Kommission warnt Regierungen vor 17 Gefahren mit katastrophalem Potenzial. Zwei könnten im äußersten Fall sogar die Menschheit auslöschen.
Übergewicht, Pandemien oder Künstliche Intelligenz: Welche Gefahren bedrohen besonders viele Menschenleben? Und lassen sie sich noch abwenden? Ein internationales Konsortium aus Experten diverser Fachrichtungen, die sogenannte Lancet-Kommission, untersuchte mehrere Hundert Risiken für die Jahre 2025 bis 2100. 17 davon könnten katastrophale Auswirkungen auf die globale Gesundheit haben. Zwei haben das Potenzial, die Menschheit gänzlich auszulöschen, so die Experten. Doch noch gibt es politischen Spielraum.
17 Krisen kosten Milliarden Lebensjahre
Für das Modell verglich die Kommission plausible günstige und ungünstige Entwicklungen miteinander. Falls aktuelle, ungünstige Trends sich fortsetzen, könnten die 17 größten Gefahren bis 2100 mehrere Milliarden gesunde Lebensjahre kosten. Umgekehrt können positive Entwicklungen viele Lebensjahre retten. Gesunde Lebensjahre, die durch Krankheit, Behinderung oder frühen Tod verloren gehen, sind das Maß, mit dem die Fachleute die Folgen der Krisen berechneten.
Die 17 Bedrohungen mit dem größten Potenzial für Verbesserung sind demnach:
- Böswilliger Einsatz Künstlicher Intelligenz: Ein möglicher Schaden von etwas über 10 Milliarden verlorenen gesunden Lebensjahren berücksichtigt seltene, aber besonders folgenschwere Szenarien. Dazu zählt auch die Entwicklung von Biowaffen mithilfe von KI.
- Nuklearer Konflikt mit anschließender Hungersnot: Die Experten berechnen einen Schaden von etwas mehr als neun Milliarden verlorenen gesunden Lebensjahren. Neben unmittelbaren Todesfällen und Verletzungen berücksichtigt die Kommission eine mögliche weltweite Hungersnot nach einem Atomkrieg.
- Adipositas: Erkrankungen und Todesfälle durch starkes Übergewicht, ungesunde Ernährung und wenig Bewegung könnten die Menschheit etwa 23 Milliarden gesunde Lebensjahre kosten. Starkes Übergewicht ist ein Risikofaktor für über 200 Folgeerkrankungen.
- Pandemien: Die Experten berechnen einen möglichen Schaden von knapp 2,5 Milliarden verlorenen gesunden Lebensjahren.
- Luftverschmutzung: Feinstaub, Stickstoffdioxid und Ozon könnten etwa zwei Milliarden gesunde Lebensjahre kosten.
- Antibiotikaresistenzen: Wenn Ärzte bislang behandelbare Infektionen immer schwerer bekämpfen können, weil Bakterien nicht mehr auf Antibiotika reagieren, könnte das etwa 3,4 Milliarden gesunde Lebensjahre kosten.
- Klimawandel: Bei gleichbleibenden Trends berechnen die Experten einen Schaden von knapp zwei Milliarden verlorenen gesunden Lebensjahren. Eine Begrenzung der Erderwärmung auf etwa 1,8 Grad statt 4,4 Grad könnte gesundheitliche Schäden durch Hitze, Luftverschmutzung und Infektionskrankheiten verringern.
- Konventionelle bewaffnete Konflikte: Solche Krisen könnten die Menschheit etwa acht Milliarden gesunde Lebensjahre kosten.
- Übermäßiger Alkoholkonsum: Erkrankungen und Todesfälle durch Alkoholkonsum könnten die Menschheit etwa 2,5 Milliarden gesunde Lebensjahre kosten.
- Rauchen: Rauchen ist unter anderem ein starker Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. Die Experten berechnen einen möglichen Schaden von knapp sieben Milliarden verlorenen gesunden Lebensjahren.
- Bluthochdruck: Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind weltweit die häufigste Todesursache. Bluthochdruck ist einer der größten Risikofaktoren und wird unter anderem durch einen ungesunden Lebensstil verursacht. In den nächsten Jahrzehnten könnte dieses Gesundheitsproblem zu einem Schaden von knapp fünf Milliarden verlorenen gesunden Lebensjahren führen.
- Ungesundes Altern: Krankheiten und Einschränkungen können Menschen im höheren Alter gesunde Lebensjahre nehmen. Sie könnten die Menschheit etwa acht Milliarden gesunde Lebensjahre kosten.
- Einbruch der Entwicklungshilfe für Gesundheit: Die Experten berechnen einen möglichen Schaden von knapp zwei Milliarden verlorenen gesunden Lebensjahren. Rund 70 Prozent der beeinflussbaren Krankheitslast träfen Menschen in Subsahara-Afrika.
- Unterernährung bei Kindern: Diese Krise könnte die Menschheit etwa eine Milliarde gesunde Lebensjahre kosten.
- Einkommensungleichheit: Ungleich verteilte Einkommen beeinflussen laut der Kommission, wie stark Menschen Gesundheitsgefahren ausgesetzt sind und welche Möglichkeiten sie haben, sich zu schützen oder gesundheitliche Folgen zu bewältigen. Bei gleichbleibenden Trends berechnen die Experten einen Schaden von knapp 14 Milliarden verlorenen gesunden Lebensjahren.
- Niedriges Bildungsniveau: Auch Bildung ist ein wichtiger Einflussfaktor auf die Gesundheit. Verbesserungen beim Bildungsniveau könnten dem Modell zufolge eine Krankheitslast von 16,1 Milliarden verlorenen gesunden Lebensjahren beeinflussen. Frauen und Kinder in Subsahara-Afrika tragen dabei das größte Risiko.
- Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit: Psychische Erkrankungen können Menschen über lange Zeit in ihrem Alltag und ihrer Lebensqualität einschränken – sogar früher zum Tod führen. Sie könnten etwa neun Milliarden gesunde Lebensjahre kosten.

Wichtig: Die genannten Milliardenwerte stellen keine Rangliste dar. Ein niedrigerer Wert bedeutet deshalb nicht automatisch, dass eine Gefahr weniger dringlich oder weniger schwerwiegend ausfällt. Zudem weisen die Experten darauf hin, dass alle Bedrohungen miteinander verknüpft seien und daher gemeinsam angegangen werden müssten.
Laut dem Institut für Gesundheitskennzahlen und -bewertung (IHME) zeigt die Auswertung vor allem einen großen politischen Spielraum. Bei positiven Maßnahmen durch Regierungen und globale Akteure ließen sich demnach viele gesunde Lebensjahre bewahren.
KI und Atomkrieg mit Auslöschungspotenzial
Zwei Bedrohungen nehmen eine besondere Stellung ein: der böswillige Einsatz Künstlicher Intelligenz und ein Atomkrieg mit anschließender Hungersnot. Die Kommission sieht bei beiden das Potenzial, die Menschheit auszulöschen.
Nur weil diese Bedrohungen in der Übersicht aufgeführt sind, bedeutet das nicht, dass die Kommission mit diesen Katastrophen rechnet. Für ihre Berechnung verbindet sie die Einschätzung, für wie wahrscheinlich Fachleute ein solches Ereignis halten, mit dem möglichen Ausmaß der Schäden. Auch ein unwahrscheinliches Ereignis kann dadurch stark ins Gewicht fallen, wenn es im schlimmsten Fall sehr viele Menschen gefährdet. Gleichzeitig ist der berechnete Wert mit einer großen Unsicherheit verbunden. Das liegt daran, dass für diese Ereignisse Vergleichsdaten fehlen. Die Kommission nutzt deshalb Einschätzungen von Fachleuten. Die Zahlen zeigen eine mögliche Größenordnung, entsprechen aber keiner genauen Vorhersage.
Zugleich könnte KI neue Impfstoffe, Antibiotika und Klimatechnik voranbringen. Die Kommission unterscheidet deshalb klar zwischen dem Nutzen der Technik und ihrem böswilligen Einsatz. Sie fordert Regeln für eine sichere und gerechte Nutzung – nicht das Ende der Forschung.