Navigation, Wettervorhersagen, Onlinebanking: Ohne Satelliten stände vieles im Alltag still. Doch diese Dienste sind zunehmend in Gefahr. Wodurch, erklärt Esa-Missionsdirektor Rolf Densing.

Viele Menschen verbinden die Raumfahrt in erster Linie mit Raketenstarts und Astronauten. Dabei hängt der Alltag der Menschen längst viel stärker vom All ab, als den meisten bewusst ist. Rolf Densing ist Esa-Direktor für Missionsbetrieb und Leiter des europäischen Raumfahrtkontrollzentrums Esoc in Darmstadt. Im Interview mit t-online erzählt Densing, warum ein extremer Sonnensturm Milliarden Euro kosten könnte, weshalb Weltraumschrott eine enorme Gefahr darstellt und warum Europa im All unabhängiger von anderen Staaten wie den USA werden muss.

t-online: Herr Densing, Sie haben das Esa-Kontrollzentrum in Darmstadt einmal als Ort der Emotionen bezeichnet. Wann wurde dort zuletzt so richtig gefeiert?

Rolf Densing: Eigentlich bei jeder Mission. Die Teams arbeiten oft viele Jahre an einem Satelliten oder einer Sonde. Wenn dann der Start gelingt und das erste Signal des Satelliten bei uns in Darmstadt eingeht, ist das ein sehr emotionaler Moment.

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Selbst nach jahrelanger Vorbereitung bleibt also Nervosität?

Absolut. Wir simulieren vor einer Mission unzählige Szenarien und bereiten uns bis ins kleinste Detail vor. Aber man kann nie alles trainieren. Irgendetwas läuft fast immer anders als erwartet. Entscheidend ist, dass die Teams vorbereitet sind, Probleme zu lösen.

Welche Mission war für Sie die schwierigste?

Das war der Mars-Lander Schiaparelli und zugleich meine erste große Mission als Esa-Missionsdirektor. Die Landung verlief nicht wie geplant. Das war schon schmerzhaft damals. Aber Raumfahrt bedeutet auch, aus Fehlern zu lernen. Denn selbst eine gescheiterte Mission liefert uns wertvolle Erkenntnisse und Daten.

Rolf Densing (Quelle: IMAGO/Klaus W. Schmidt/imago)

Zur Person

Wenn Europas Raumsonden und Satelliten mit der Erde kommunizieren, laufen die Fäden bei ihm zusammen: Rolf Densing leitet seit 2016 das Esa-Kontrollzentrum Esoc in Darmstadt und ist Direktor für Missionsbetrieb der Europäischen Weltraumorganisation. Der Physiker arbeitet seit mehr als drei Jahrzehnten in der Raumfahrt und war zuvor in verschiedenen Führungspositionen beim DLR tätig. Heute verantwortet er unter anderem den Betrieb europäischer Satelliten, Raumsonden und Weltraumsicherheitsprogramme.

Viele Menschen denken beim Thema Raumfahrt zuerst an Astronauten. Woran sollten sie stattdessen denken?

Daran, welche Rolle Raumfahrt in ihrem Alltag spielt: Navigation, Wettervorhersagen, internationale Finanztransaktionen, Logistik oder Fernsehsignale – all das wäre ohne Satelliten kaum denkbar.

Was würden die Menschen als Erstes merken, wenn alle Satelliten plötzlich ausfielen?

Die Navigation wäre sofort betroffen. Das Paket vom Versandhändler käme nicht an. Die Fernsehübertragung von der Fußball-Weltmeisterschaft am anderen Ende der Welt würde nicht funktionieren. Wettervorhersagen würden deutlich schlechter werden. Auch Kommunikations- und Finanzsysteme wären gestört. Unsere Gesellschaft ist heute viel stärker von Raumfahrt abhängig, als vielen bewusst ist.



Die meisten wissen gar nicht, welche Rolle Raumfahrt in ihrem Alltag spielt.


Rolf Densing


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