Neben Yıldız und Uzun gibt es für den anderen Fall aber auch weitere Beispiele. Der in Berlin geborene und bei Hertha BSC ausgebildete Ibrahim Maza entschied sich für Algerien. Der in München geborene und beim FC Bayern ausgebildete Josip Stanišić wählte Kroatien. Auch bei Fisnik Asllani (Kosovo) und Lazar Samardžić (Serbien) ging der DFB leer aus.
Die Ursachen dafür sind vielfältig. Zum einen wären da persönliche Gründe. „Bei einer emotionalen Entscheidung müssen wir es einfach akzeptieren, wenn sich das Kind zu einem anderen Land mehr hingezogen fühlt. Das sind persönliche Themen aufgrund von familiären Situationen“, sagt Kai Krüger. Bei nicht wenigen Kindern träumen die Eltern davon, dass ihr Sohn oder ihre Tochter für das eigene Heimatland aufläuft. Faktoren wie diese können die Entscheidung natürlich beeinflussen.
Aber auch das politische Klima kann eine Rolle spielen. Anfeindungen aufgrund der Herkunft oder Hautfarbe sind hierzulande immer noch Realität, auch im Jugendfußball. „Wir haben leider mehrfach erlebt, was bei Social Media passiert, wenn 16- oder 17-jährige Talente, deren Migrationshintergrund offensichtlicher ist, das erste Mal für Deutschland bei einer EM auflaufen. Das ist pervers. Das ist unmenschlich“, kritisiert Krüger. „Diese Erfahrungen machen unsere Jungs und Mädels leider. Wir stehen vor und hinter ihnen und vermitteln ihnen das Gefühl, zugehörig zu sein.“ Wer sich ausgegrenzt oder nicht akzeptiert fühlt, denkt vielleicht dann doch über eine andere Option nach.
Ein anderer Faktor ist die Konkurrenz. Bei Maza spielte beispielsweise auch eine Rolle, dass es beim DFB auf seiner Position mit Spielern wie Musiala und Florian Wirtz starke Konkurrenz gibt, sodass er auf Einsätze in der A-Nationalmannschaft noch hätte warten müssen. DFB-Nachwuchschef Hannes Wolf erklärte einst im „Doppelpass“ bei Sport1: „Wir kommen mit der U20 und Algerien kommt mit der A-Nationalmannschaft.“ Ähnlich war es auch bei Kenan Yıldız, der zum Zeitpunkt seiner Entscheidung gerade erst Profispieler bei Juventus Turin geworden war. Can Uzun hatte beim 1. FC Nürnberg in der 2. Bundesliga auf sich aufmerksam gemacht. Kai Krüger weiß: „Das waren talentierte Fußballer, die auf ihrer jeweiligen Position zu diesem Zeitpunkt bei uns jedoch nur an Stelle drei, vier oder fünf standen.“ Bei der Türkei nicht.
„Da kann der DFB auch nichts gegen machen“
Nicht selten verliert der DFB das Rennen auch gegen kleinere Verbände, die früher mit der A-Nationalmannschaft locken. Auch Maduka Okoye, Stammkeeper von Serie-A-Klub Udinese Calcio, hätte für Deutschland auflaufen können, ist aber seit 2018 Nationalspieler Nigerias.
Damals war er noch Torwart beim niederländischen Klub Sparta Rotterdam. Für das deutsche Tor war er noch nicht gut genug. „Zu der Zeit lag nur eine Anfrage von Nigeria vor. Ich musste mich nicht entscheiden. Aber als ich die Möglichkeit hatte, für die nigerianische Nationalmannschaft zu spielen, habe ich sie genutzt“, erinnert er sich im Gespräch mit t-online.
