Die Methode Schertz, sie ist auch die eines Wellenbrechers. Wenn Enthüllungen über sexuelle Übergriffe, toxisches Verhalten oder Machtmissbrauch publik werden, führt das zu einem wiederkehrenden Muster: Seriöse Medien prüfen die Berichte, verweisen auf die Unschuldsvermutung, konfrontieren die Beschuldigten mit den Vorwürfen und dokumentieren die Fälle mit der gebotenen Sorgfalt. Derweil schwappt die Welle der Empörung längst durch die sozialen Medien, sickert in die letzten Winkel des Internets – und verbreitet ein Narrativ, das sich schwer wieder einfangen lässt.
Christian Schertz weiß das. Also verschickte der Anwalt sein Schreiben nur wenige Stunden nach der Veröffentlichung der „Spiegel“-Recherche und einem Instagram-Posting von Collien Fernandes. Der Anwalt versuchte so schnell wie möglich, vor die Welle zu kommen. Seine Mails wirken wie Warnsignale: Achtung, ab hier betreten Sie unsicheres Terrain – weiterlaufen auf eigene Gefahr.
Doch dieses Mal ist etwas anders. Öffentlich wirkt es so, als stecke Christian Schertz in einem juristischen Dilemma. Er selbst war es, der noch im Dezember 2024 öffentlich eine Gesetzesänderung beim Thema Deepfakes forderte – und der jetzt einen Mann verteidigt, der womöglich genau das machte, wovor Schertz warnte: in einem „Wahn“ aus Manipulationen „Taten folgen“ lassen. Zumindest, wenn sich die Vorwürfe als zutreffend erweisen, wirkt diese Doppelrolle von Christian Schertz bemerkenswert.
Aus Sicht des Anwalts mag es nebensächlich sein, was er in der Vergangenheit gesagt hat. Schertz vertritt in erster Linie die Interessen seines Mandanten. Seine Aufgabe ist es, die Berichterstattung um Christian Ulmen einzudämmen, sodass dessen Persönlichkeitsrechte gewahrt bleiben. Wenn es Schertz gelingt, auch nur Teile der Schilderungen einzufangen und verbieten zu lassen, hat er seinen Job erfüllt.
In der ZDF-Doku trat er nicht als Rechtsbeistand auf, sondern als Experte. Als solcher hat er auf die Schwäche des deutschen Rechtssystems hingewiesen und angemahnt, dass die Ermittlung von Tätern in Deutschland zu „90 Prozent ins Leere“ laufe. Schertz‘ Wissen über diese Ungerechtigkeit wird bei der Verteidigung seines Mandanten keine Rolle spielen, weil er sich in diesem Fall nur um die „presserechtlichen Interessen von Christian Ulmen“ kümmert und ihn nicht strafrechtlich vertritt.
