Der Mensch weint über Wale und vernichtet zugleich die Grundlagen für alles Leben. Wie scheinheilig.

Ein seltsames Schauspiel bietet die Natur dieser Tage. In der Ostsee verirrt sich ein Buckelwal und kämpft dort einen langsamen, öffentlichen Todeskampf. In Hamburg durchbricht ein Wolf die zivilisatorische Demarkationslinie, dringt in die Innenstadt vor, beißt eine Frau und sucht sein Heil in der Alster. Zwei Tiere, zwei Schicksale, die eine Welle der Anteilnahme auslösen, die in ihrer emotionalen Wucht bemerkenswert wirkt.

Das Mitgefühl für den sterbenden Wal, dem man den possierlichen Namen Timmy verpasst hat, scheint bei vielen Zeitgenossen sogar die Trauer um die menschlichen Bombenopfer in der Ukraine und im Nahen Osten zu übersteigen. Auf der Insel Poel ist heute eine Menschenkette für das verendende Tier geplant. Der verirrte Wolf hingegen spaltet die Gemüter: Die einen fordern Milde und artgerechte Resozialisierung für das verirrte Raubtier. Die anderen echauffieren sich über die Rückkehr einer Bestie, die vielerorts auf dem Land zu einer ständigen Bedrohung für Schafe, Ponys, Postboten und andere friedliebende Zeitgenossen geworden ist.

Beide Reaktionen, die rührselige Empathie wie der blinde Hass, erscheinen aus dem unmittelbaren Erleben heraus verständlich. Bei Lichte besehen entpuppen sie sich jedoch als scheinheilig. Als emotionale Nebelkerzen, die einen weitaus unbequemeren Gedanken verschleiern sollen: Der Homo sapiens ist die effizienteste und rücksichtsloseste Vernichtungsmaschine, die der Planet hervorgebracht hat.

Sein Siegeszug ist eine Chronik der Verdrängung. Er begann mit der Ausrottung des Neandertalers und setzte sich fort in einem Feldzug gegen alles, was kreucht und fleucht. Die Rote Liste der International Union for Conservation of Nature belegt das Verschwinden von 777 Tierarten seit Beginn der Neuzeit um 1500 – eine Zahl, die Fachleuten zufolge nur die blasse Spitze eines viel größeren Eisbergs darstellt. Der israelische Historiker Yuval Noah Harari beschreibt in seinen Bestsellerbüchern die ebenso glorreiche wie bestialische Erfolgsgeschichte des Menschen: ein Triumph, der auf den Gräbern unzähliger Arten errichtet wurde.

Nun krönt der moderne Mensch sein Werk, indem er nicht mehr nur einzelne Arten verdrängt, sondern die Bühne des gesamten Lebens demoliert. Die menschengemachte Erderhitzung ist ein Akt globaler Brandstiftung, ein destruktiver Prozess von einer Endgültigkeit, die den biblischen Sündenfall wie eine lässliche Übertretung erscheinen lässt. Das 1,5-Grad-Ziel ist bereits überschritten, nun steuert der Globus auf 2,8 Grad Erwärmung gegenüber der vorindustriellen Zeit zu. Das bedeutet nicht einfach nur schneefreie Winter und wärmere Sommer. Das kommt einem Inferno gleich.

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