Wolfgang Kubicki
Der Dieter Nuhr des Politikbetriebs
02.09.2026 – 02:07 UhrLesedauer: 6 Min.

Die FDP kämpft um Stimmen bei den Ost-Wahlen – und gegen das Vergessenwerden. Zentral dafür ist vor allem einer: Wolfgang Kubicki, der bald 100 Tage Parteichef ist.
Einen hat er noch. „Ich trinke auch gern mal ein, zwei, manchmal auch drei … Gläser“, setzt Wolfgang Kubicki an, hält kurz inne, dann fährt er fort: „Meine Frau sagt immer: ‚Sag lieber Gläser Wein, das kommt besser rüber‘.“ Ein ironisches, schelmisches Grinsen huscht ihm über die Lippen, der Saal johlt, lacht, klatscht. „Und übrigens: Ich habe auch dreimal geheiratet, hat mir auch nicht geschadet“, schiebt Kubicki hinterher. Kein Staat, so seine Schlussfolgerung, müsse ihm vorschreiben, wie er zu leben habe, das wisse er schon ganz allein.
Es ist zugegebenermaßen ein dankbares Publikum, zu dem der FDP-Chef hier in Magdeburg spricht. Rund 200 Leute sitzen vor ihm, vor allem Parteivolk ist da. Eine Wohlfühl-Wahlkampf-Veranstaltung, wie sie der 74-Jährige gut beherrscht. Und wie sie, rein inhaltlich betrachtet, auch viele andere Liberale könnten, zum Beispiel sein Vorvorgänger im Amt, Christian Lindner.
Die Art jedoch, wie Kubicki in den 45 Minuten freier Rede den Bogen schlägt von den hohen Strompreisen, gegen die nur Mini-Kernreaktoren helfen würden, bis zum Spott über die einstigen Corona-Regeln, ist anders: nicht aufgesetzt, nicht künstlich, nicht gewollt pointiert. Authentisch kommt er rüber, wie er – hier und da nuschelnd – seine Botschaften setzt und dabei immer wieder seine Witzchen einstreut. Eine Mischung aus Stand-up-Comedy und politischen Appellen. Kubicki, der polternde Entertainer. Kubicki, der Dieter Nuhr des Politikbetriebs.
Umfragen zeigen leichten Aufwärtstrend
Knapp 100 Tage ist es her, dass die Freien Demokraten ihn auf einem denkwürdigen Parteitag zu ihrem Chef gewählt haben – mit einem vergleichsweise schwachen Ergebnis. Nur knapp 60 Prozent stimmten für Kubicki, 40 Prozent der Delegierten scharten sich hinter Marie-Agnes Strack-Zimmermann. In einer überraschenden Kampfkandidatur war sie gegen den bis dato einzigen Kandidaten angetreten und hatte den Liberalen dabei einen progressiveren, weniger krawalligen Kurs angeboten, der stärker auf die Mitte denn auf Wähler rechts der Mitte zielt, die Kubicki ansprechen will.

Doch Mehrheit ist Mehrheit. Die Partei entschied sich für ihr mittlerweile konservativ tickendes liberales Schlachtross aus dem Norden, das über Jahrzehnte eher ein sozialliberales war. Vor allem tat sie es wohl deshalb, weil Kubicki das versprach, was eine Partei braucht, die zum zweiten Mal binnen zwölf Jahren in der außerparlamentarischen Opposition gegen das Vergessenwerden ankämpft: eine populäre Marke an der Spitze, die so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, wie es nur geht, wenn auch mit teils derben „Eierarsch“-Sprüchen.