In einem Seminarraum absolvieren Menschen aus verschiedenen Ländern, die erst seit Kurzem in Deutschland leben und arbeiten, einen interkulturellen Kurs. Ein Teilnehmer aus Indien erzählt der Gruppe von einem Gespräch, das er mit seinem deutschen Vorgesetzten geführt hat – er ist sich nicht ganz sicher, was er von dem sehr direkten Feedback halten soll, das er erhalten hat. War das typisch deutsch? Oder nur der Charakter seines Chefs?
Mala Ullal hört regelmäßig von solchen Erlebnissen. Seit 25 Jahren ist sie als interkulturelle Coachin tätig. Ihre eigene Herkunft – sie wurde in Deutschland als Tochter eines indischen Vaters und einer amerikanischen Mutter geboren – prägte schon früh ihre Sicht auf interkulturellen Austausch.
Auf Klischees verzichten, Regeln erkennen
Ullal sagt, dass internationale Fachkräfte oft mit festen Vorstellungen darüber anreisen, wie der Alltag und die Arbeit in Deutschland aussehen werden. Sie hört häufig Klischees über Deutsche – von der Pünktlichkeit bis zum Oktoberfest. „Mein Ziel ist es, mich nach und nach von diesen Klischees zu lösen“, sagt sie. Denn den „typischen Deutschen“ gebe es nicht, ebenso wenig wie den typischen Inder oder den typischen Chinesen.
Sie warnt davor, dass es keine gute Idee sei, etwas, das man selbst erlebt habe, dadurch zu erklären, dass man es einem bestimmten Stereotyp zuschreibt. Dennoch gebe es im Arbeitskontext wiederkehrende Muster, räumt sie ein: Im internationalen Vergleich etwa sei die Kommunikation in Deutschland eher direkt. „Ja bedeutet ja, nein bedeutet nein.“ Normalerweise halten sich Deutsche an klar definierte Vereinbarungen und Regeln – Menschen aus anderen Ländern müssen sich also an diese direkte und konsequente Vorgehensweise gewöhnen.
Das hängt von der jeweiligen Einstellung ab
Ob Berlin oder Bayern, ob Großstadt oder ländliche Region, ob IT-Firma oder Krankenhaus: Entscheidend ist die jeweilige Umgebung, in der man sich gerade befindet – denn sie bestimmt, wie die Menschen in Deutschland leben und arbeiten. Ullal empfiehlt jedem, der sich unsicher fühlt, die Kommunikation auf Deutsch zu üben. „Viele Dinge kann man in Deutschland einfach direkt angehen“, sagt sie. „Wenn Sie zum Beispiel nicht wissen, in welche Tonne Sie Ihren Müll werfen sollen, fragen Sie einfach nach!“
In Ullals Kursen geht es nicht nur darum, wie man mit bestimmten Situationen umgeht; Sie bringt ihren Schülern auch bei, über ihre eigenen Einstellungen nachzudenken: Welche Erwartungen habe ich nach Deutschland mitgebracht – und wann ziehe ich vielleicht voreilige Schlüsse? Sie sagt, ihr Ziel sei es, ihre Schüler dazu zu bringen, unvoreingenommen und vorurteilsfrei auf Menschen zuzugehen.
