Alkohol zu trinken sei ein erlerntes Verhalten, fast alle machten erste Erfahrungen mit Alkohol in der Jugend oder als junge Erwachsene. Sie lernen vielleicht: „Alkohol kann entspannen und manche Dinge etwas erleichtern“ – aber die meisten merken auch die negativen Folgen.

In den Folgejahren spiele exzessives Trinken oft kaum eine Rolle, weil es einfach nicht passt: Dann sei man mit Familien-, Lebensplanung und Beruf beschäftigt. „Das ist in der Regel alles inkompatibel mit heftigem Trinken, was auch gut ist“, so Kiefer. Die meisten trinken dann nur gelegentlich.

Häufig wird Alkohol dann ein Thema, wenn die „Gelegenheit zum Trinken“ wieder da ist. „Oder wenn Probleme da sind, bei denen Alkohol kurzfristig vermeintlich hilft“, so Kiefer. Auch rund um Lebensübergänge, etwa in der mittleren Lebensphase, wenn Belastungen im Beruf, der Partnerschaft und im Zusammenhang mit Kindern hinzukommen – auch und gerade für Frauen ein Thema. Dann erinnern sich viele an die Effekte, die Alkohol haben kann. „Und rutschen durch das Gefühl ‚irgendwie tut mir das im Moment ganz gut‘ da rein.“

Er kann euphorisieren und enthemmen: Bei Feiern und im Nachtleben gehört für viele Alkohol dazu. (Quelle: Giuseppe Lombardo/getty-images-bilder)

„Wine Moms“ – Wenn Mütter ein Glas Wein brauchen

Trinken als Selfcare, wie es die „Wine Moms“ auf Instagram zeigen? Das könne passieren, so Mediziner Kiefer. Also ein Glas Wein zu trinken – vielleicht mit anderen Müttern und dabei zu denken: „Ich muss immer Höchstleistungen erbringen und für die Kinder da sein. Aber ich bin auch ein Mensch und brauche Zeit für mich.“ So beginne der sogenannte „funktionale Gebrauch“.

Kiefer berichtet, dass Alkohol auch eine Art Selbstmedikation ist, etwa bei Angsterkrankungen oder Depressionen – und „manchmal kommen solche Befindlichkeitsstörungen oder psychischen Erkrankungen auch in einer bestimmten Lebensphase auf“. Ein weiterer wichtiger Faktor: Alkohol ist vergleichsweise billig und praktisch überall verfügbar.

Woran merke ich, dass ich ein Alkoholproblem habe?

Nicht unbedingt daran, wie viel man trinkt. „Wenn man den Schweregrad einer Alkoholabhängigkeit messen will, dann orientiert sich das kaum an den berichteten Trinkmengen“, erklärt Kiefer.

„Das wichtigste Kriterium sind die negativen Konsequenzen, die man bereit ist, in Kauf zu nehmen.“ Wenn es schwerfällt, auf Alkohol zu verzichten – „wenn man merkt, es gibt Dinge, die besser laufen würden, wenn ich nicht trinke, aber man trinkt trotzdem. Dann hat man auch schon ein Alkoholproblem“, sagt der Mediziner.

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