Liegt die Aufholjagd auch an Sprüchen über eine Schülerin mit „rehbraunen Augen“? Mitten in der heißen Phase des Wahlkampfs postet eine grüne Bundestagsabgeordnete einen acht Jahre alten Clip in den sozialen Netzwerken, der CDU-Frontmann Hagel in einer Ulmer Gaststätte bei einem Interview zeigt, damals 29 Jahre alt und Landtagsabgeordneter.

Hagel berichtet in der Szene von einem Schulbesuch. In der Klasse hätten damals 80 Prozent Mädchen gesessen. „Also da gibt“s für 29-jährige Abgeordnete schlimmere Termine als diesen“, sagt Hagel. Dann geht er auf eine Schülerin ein: „Ich werd“s nie vergessen, die erste Frage, sie hieß Eva, braune Haare, rehbraune Augen.“ Diese Sätze sorgen nun für Wirbel – und heftige Kritik. „Der Einstieg für dieses Interview 2018 war Mist“, räumte Hagel kürzlich ein.

Die Umfrage wurde genau in dem Zeitraum erhoben, in dem die Debatte hochkochte. Inwieweit sie sich in den Prozentwerten niederschlägt, ist unklar. Vielleicht kostet sie Hagel aber auch in den nächsten Tagen noch Zustimmung.

„Selbst wenn es nicht als schwerwiegender Makel empfunden wird: Es bleibt immer etwas hängen“, sagt Politologe Behnke. Die Video-Sache könne die Grünen mobilisieren. „Das kann schon schaden“, findet auch Eith. Trotzdem: CDU-Stammwähler seien eher fortgeschrittenen Alters und nicht auf diesen Plattformen unterwegs, die würden das nicht so stark wahrnehmen.

Experten halten auch strategisches Verhalten linksgerichteter Wähler für eine mögliche Erklärung des grünen Aufwinds in den Umfragen. Denn die Linke hat verloren und muss mit 5,5 Prozent um den sicher geglaubten Einzug in den Landtag bangen. Die SPD kommt auf nur noch 7 Prozent und verliert damit erneut einen Prozentpunkt.

Einzige realistische Regierungsoption bleibt aktuell eine Koalition aus Grünen und CDU, wie derzeit unter Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), der nicht mehr antritt. Wenn CDU und Grüne fast gleichauf liegen, stellt sich die Machtfrage neu: Wer führt mögliche Gespräche? Wer hat Anspruch auf das Ministerpräsidentenamt?

Wer für Sozialdemokraten oder Linke stimmt, läuft Gefahr, seine Stimme einer künftigen Oppositionskraft oder bestenfalls einem Juniorpartner in einer Regierung zu geben. Eine grün geführte Regierung sei aus Sicht mancher SPD-Anhänger immer noch besser als eine CDU-geführte, meint Behnke.

Klar ist: Umfragen sind keine Wahlen. Die Fehlertoleranz ist hoch, solche Erhebungen sind immer mit Unsicherheiten behaftet. Nachlassende Parteibindungen und immer kurzfristigere Wahlentscheidungen erschweren den Meinungsforschungsinstituten die Gewichtung der Daten.

Auch Behnke sieht Umfragen mit Skepsis. Aber allein die Veröffentlichung der neuen Zahlen werde eine Wirkung entfalten, meint er. „Das mobilisiert die linke Seite besonders stark“, sagt er. „Aber es kann auch der CDU nochmal Aufwind geben.“

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