Wo kommen die Menschen unter?

Dabei bleibt auch die Frage offen, wie Platz für die 83,4 Millionen Menschen in Deutschland geschaffen werden soll. Allein in Berlin scheint die Lücke riesig zu sein. Die Berliner Unterwelten können nach eigenen Angaben ungefähr 10.000 Plätze in zehn Bunkern bereitstellen. Eine geringe Zahl angesichts der 3,9 Millionen Einwohner der Hauptstadt.

Allerdings geht die Bundesregierung nicht davon aus, dass der gesamten Bevölkerung Schutz gewährt werden muss. Im Konzept Zivile Verteidigung von 2016 werden Länder angewiesen, bei Katastrophen für ein Prozent der Wohnbevölkerung Aufnahmemöglichkeiten bereitzustellen.

(Quelle: Henning Goersch)

Zur Person

Henning Goersch ist Professor für Gefahrenabwehr und Bevölkerungsschutz an der FOM Hochschule für Ökonomie und Management in Essen. Dort leitet er auch die Forschungsgruppe Gefahrenabwehr. Zudem ist er unter anderem als Gutachter für das Bundesministerium für Bildung und Forschung und das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe tätig.

„Kommt es zu ähnlichen Angriffen wie in der Ukraine, benötigen wir keine Bunker wie im Kalten Krieg“, erklärt Experte Goersch. Schutz vor extremen mechanischen Belastungen, Bränden, Trümmern sowie die Installation aufwendiger Belüftungs- und Filteranlagen seien heute nicht mehr notwendig.

Ein Flur kann ausreichen

Atomare, biologische oder chemische Waffen gelten im aktuellen Kriegsszenario nicht mehr als wesentliche Bedrohung. Daher reiche in vielen Fällen bereits ein innenliegender Raum mit zwei Wandschichten zur Außenwelt, beispielsweise ein Flur. Dort seien Menschen im eigenen Zuhause relativ sicher.

Werden Menschen unterwegs von einem Angriff überrascht, könnten vor allem Tiefgaragen guten Schutz bieten, sagt Heyne von den Unterwelten. Die Berliner U-Bahn-Stationen seien hingegen weniger geeignet: „Die liegen oftmals zu dicht unter der Erde und haben direkte Verbindungen zur Straße.“ Das dämpfe eventuelle Druckwellen nicht genug ab. Auch oberirdische Parkhäuser seien so nicht brauchbar.

Ein vollständiger Schutz für alle Berliner sei aber auch nicht das Ziel des Vereins. „Wir wollen, dass wir gesellschaftlich vorankommen und auf das Thema aufmerksam machen“, betont Heyne. Bisher gebe es zu wenig Aufklärung in der Gesellschaft, findet er.

Denk- und Zivilschutz miteinander vereinbaren

Auf dem Weg zurück zum Eingang läuft Heyne durch einen großen Raum, in dem mehrere lange Bänke stehen, auf denen gerade eine Schulklasse Platz nimmt. Vor ihnen steht ein Kollege von Heyne an einer großen Schautafel und erzählt, wie der Bunker im Zweiten Weltkrieg genutzt wurde. Um die Bänke herum sind Vitrinen mit Fundstücken aus dieser Zeit ausgestellt.

Das alles soll nicht verschwinden, wenn der Bunker tatsächlich im Krisenfall gebraucht wird. Heyne erklärt: „Wir wollen Zivilschutz ermöglichen, aber gleichzeitig auch den Denkmalschutz nicht verlieren.“ Das sei manchmal ein schmaler Grat. Denn bauliche Veränderungen dürfe es nicht geben. Schließlich liegt der Schwerpunkt des Vereins noch immer auf der Erforschung und Bewahrung der Historie. Das bedeutet aber nicht, die aktuelle Situation zu ignorieren. Dafür haben die Unterwelten extra die Vereinssatzung geändert. Nun ist der Zivilschutz ebenfalls Ziel des Vereins. Und so versucht man weiterhin, beides miteinander zu vereinbaren – die Vergangenheit und die Gegenwart.

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