In der Spätphase der RAF trafen sich deutsche Terroristen in Uruguay. Deutsche Nachrichtendienste spähten sie aus und verfolgten dabei auch Spuren eines Anschlags, für den nun Daniela Klette angeklagt ist.
Es ist der 9. März 1995, 13.50 Uhr Ortszeit, als eine Deutsche mit Flug KLM 793 in Uruguay landet. Die hagere, große Frau mit dunklen Haaren betritt die Ankunftshalle des Flughafens in Montevideo. Erwartet wird sie von einem kleinen Empfangskomitee. Verdeckt postiert hat sich auch ein Überwachungsteam eines Nachrichtendienstes, das Fotos und ein Video anfertigt. Die 49-Jährige ist keine Touristin wie jede andere. Begrüßt wird sie nicht von entfernten Verwandten oder Studienfreunden.
In Deutschland hat Monika Berberich 18 Jahre lang im Gefängnis gesessen. Sie hat die Rote Armee Fraktion (RAF) mitbegründet und den führenden Terroristen Andreas Baader befreit. Sie hat Banken ausgeraubt und sich in Jordanien militärisch ausbilden lassen. Und sieben Jahre nach ihrer Haftentlassung im Jahr 1988 ist sie für den deutschen Bundesnachrichtendienst (BND), der ihre geplanten Reisedaten bereits Tage zuvor nach Südamerika gekabelt hat, noch immer von Interesse.
Die deutschen Spione erwarten, dass sich Berberich mit einer Kampfgefährtin trifft. Margrit Schiller ist damals bereits lange im Exil, zunächst in Kuba, nun seit zwei Jahren in Uruguay. Und auch sie war wegen Unterstützung der RAF sechs Jahre in Haft. Nur durch die Flucht ins Ausland entging sie wohl einer erneuten Festnahme. Lange muss der BND nicht auf die Kontaktaufnahme warten. Schon in der Ankunftshalle in Montevideo identifiziert das Observationsteam Margrit Schiller im Empfangskomitee für Berberich.
Die beiden Frauen sind in den Neunzigerjahren zwei von fast einem Dutzend Personen mit engen RAF-Verbindungen, deren Reisebewegungen nach Uruguay deutsche Nachrichtendienste verfolgen. Das geht aus ehemals geheimen Akten des Bundesnachrichtendienstes hervor, die t-online vorliegen. Darunter sind weitere Langzeithäftlinge wie Irmgard Möller und Lutz Taufer.
Die deutschen Spione lassen deren Adressen und Kontaktpersonen ausspähen, überprüfen regelmäßig Rufnummern, die sie in Deutschland kontaktieren. Offenbar hoffen sie, so noch immer untergetauchten Terroristen auf die Spur zu kommen und weitere Ermittlungsansätze zu gewinnen. Besonders die Kontakte der RAF-Verdächtigen zur ehemaligen Guerilla-Organisation Tupamaros – einst Vorbild der RAF und nun politische Bewegung – erwecken ihre Aufmerksamkeit.
Denn in den Neunzigerjahren liegt die deutsche Terrorgruppe zwar in ihren letzten Zügen, das ist aber zum damaligen Zeitpunkt alles andere als klar. Trotz eines sogenannten Gewaltmoratoriums, in dem sich die Terrorgruppe 1992 von weiteren Attentaten distanziert hat, hat es noch Anschläge gegeben, zahlreiche mutmaßliche Terroristen befinden sich auf der Flucht – darunter auch Daniela Klette, die erst 2024 verhaftet werden wird.
