Wo es noch zu finden ist
Berlinisch stirbt aus – es wird eine neue Sprache gesprochen
09.03.2026 – 10:39 UhrLesedauer: 2 Min.
Der Berliner Dialekt verschwindet langsam – in der eigenen Stadt hat er längst einem neuen Sprachmuster Platz gemacht. Ein Sprachwissenschaftler erklärt, wohin sich das Berlinische zurückgezogen hat.
Wer heute echtes Berlinisch hören will, fährt am besten aus der Stadt heraus. Sprachwissenschaftler Horst Simon von der Freien Universität Berlin sagt, der Speckgürtel sei das eigentliche Rückzugsgebiet des Dialekts – etwa Königs Wusterhausen oder Nauen. Dort habe sich das Berlinische mittlerweile zu einem Berlin-Brandenburgischen weiterentwickelt.
In der Stadt selbst hat ein anderes Sprachmuster den Platz des Berlinischen eingenommen. Simon zufolge haben Sprachwissenschaftler beobachtet, dass in der Berliner Innenstadt eine neue Art entstand, nicht Standarddeutsch zu sprechen. Dieses auf migrantische Ursprünge zurückgehende Deutsch werde in der Wissenschaft „Kiezdeutsch“ genannt.
Der Rückgang des Berlinischen begann nicht erst nach der Wende. Simon erklärt, die Zahl der Sprecher habe bereits seit dem Mauerfall massiv abgenommen. Nach 1989 habe sich dieser Trend fortgesetzt – weil ältere Generationen sterben und Jüngere den Dialekt kaum noch übernehmen.
Dabei verlief der Schwund in der geteilten Stadt unterschiedlich. In West-Berlin habe es als sozial unerwünscht gegolten, Berlinisch zu sprechen, so Simon. In der Ostberliner Intellektuellen- und Künstlerszene sei der Dialekt dagegen weniger verpönt gewesen.
Das Berlinische hat eine lange Vorgeschichte als Kontaktsprache. Simon zufolge war Berlin ursprünglich ein slawischsprachiges Gebiet. Die Herausbildung des Dialekts sei durch Migrationswellen seit dem Mittelalter geprägt worden – mit slawischen, sächsischen, französischen und jüdischen Einflüssen. Slawische Spuren seien heute noch in Ortsnamen wie Rudow, Buckow, Spandau und Britz erkennbar.
Es erklärt unter anderem Ausspracheregeln und typische Begriffe. Generell werde „i“ oft zu „ü“ – aus „nichts“ werde „nüscht“. „Icke“ stehe für ich, „Molle“ für Bier, „Stulle“ für ein Stück Brot und „Muckefuck“ für Ersatzkaffee. Wer etwas als weit entfernt bezeichnen will, sagt „JWD“ – „janz weit draußen“.
Offizielle Zahlen zur Verbreitung des Berlinischen gibt es nicht. Die Kultursenatsverwaltung erhebt keine derartigen Statistiken, wie ein Sprecher der Behörde mitteilte. Auch Sprachwissenschaftler Simon sind entsprechende Daten nicht bekannt.
