Sie erlitten schwere Verletzungen. Wie geht es Ihnen heute?
Auf dem rechten Auge kostete mir die Verletzung fast das Augenlicht. Ich hatte meine Zähne verloren. Nur dank Spenden konnte ich in Großbritannien und in Polen operiert werden. Heute sehe ich auf dem rechten Auge etwa zu 30 Prozent. Operationen und Behandlungen werden mich nun mein ganzes Leben begleiten. Auch wenn viele der Narben jetzt verheilt sind, bleiben die seelischen Wunden.
Einst erzählten Sie mir, dass Sie bei jeder Explosion ins Bad flüchten, weil es dort keine Fenster gibt.
Früher habe ich mich tatsächlich bei jedem Alarm versteckt. Jetzt schlafe ich manchmal einfach weiter. Ein Mensch gewöhnt sich an alles. Das ist vielleicht das Erschreckendste. Aber gerade – während unseres Gesprächs – waren wieder Explosionen zu hören. Und ich bin wieder ins Bad gerannt. So sieht unser Alltag aus: Man spricht, hört einen Einschlag, geht in Deckung – und redet weiter.
Sie sind nach Ihrer Behandlung in die Ukraine zurückgekehrt. Warum?
Ich hätte in Großbritannien oder Polen bleiben können. Ich bin sicher, auch in Deutschland hätte ich Schutz gefunden. Aber meine Gedanken waren immer hier. Meine Tochter ist hier. Mein Zuhause ist hier. Natürlich bin ich dankbar für die Unterstützung aus Europa, besonders aus Deutschland, wo viele ukrainische Flüchtlinge aufgenommen wurden. Ich wünsche mir nur, dass Europa noch geschlossener und entschlossener handeln würde. Viele hier haben das Gefühl, wir bekommen gerade so viel Unterstützung, damit wir nicht verlieren – aber nicht genug, um zu gewinnen.
Man sagt, der Krieg bringt die hässlichsten oder die besten Eigenschaften von Menschen hervor? Was ist Ihre Erfahrung?
Ich habe zu vielen Menschen aus meinem früheren Leben, aus meinem Leben vor dem Krieg, keinen Kontakt mehr. Unter ihnen ist mein Bruder. Er ist der russischen Propaganda zum Opfer gefallen. Aber ich habe auch unendlich viel Hilfe, Unterstützung und Herzlichkeit erfahren – von Menschen, denen ich noch nie im Leben begegnet bin. Ich möchte die Gelegenheit nutzen und einen besonderen Dank an alle aussprechen, die mir nun über Jahre hinweg so sehr geholfen haben – auch aus Deutschland.
Frau Kurylo, vielen Dank für diese herzlichen Worte!
