Städtereise in Holland
Die Stadt, in der man sich über Touristen freut
22.07.2026Lesedauer: 5 Min.
Windmühlen, Giebelhäuser und Grachten: Dordrecht ist der vielleicht holländischste Ort der Welt. Verwunderlich ist, dass Gäste aus Deutschland dort kaum aufkreuzen. Eine Entdeckungstour.
Windmühlen so weit das Auge reicht. Allerdings: Kein Lüftchen regt sich, und deshalb bewegen sich die Mühlenflügel auch kein Stück. Für die chinesischen Malerinnen und Maler, die hier wie die Impressionisten unter freiem Himmel ihre Staffeleien aufgebaut haben, erleichtert das aber vermutlich das Abmalen. Ob sie kollektiv einen Kreativkursus „Malen wie die alten Meister“ gebucht haben? Jedenfalls haben sie alle die gleichen Utensilien dabei.
Die Windmühlen von Kinderdijk gelten international als das holländische Postkartenmotiv schlechthin. Und „holländisch“ darf hier gesagt werden, denn man befindet sich mitten in Holland, dem westlichen Teil der Niederlande. Der Käsemarkt von Alkmaar, die Tulpen aus Amsterdam und die Windmühlen von Kinderdijk – all das ist Holland par excellence.
Während die Touristen in Kinderdijk im Sommer Schlange stehen, ist die unmittelbar benachbarte Stadt Dordrecht noch ein Geheimtipp. Bei Deutschen ist sie nahezu unbekannt, man trifft dort kaum je einen deutschen Touristen, wie Einheimische bestätigen. Leiden, Delft, Alkmaar oder Utrecht – okay. Aber Dordrecht? Nie von gehört.
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Urholländische und meistunterschätzte Grachtenstadt
Dabei ist Dordrecht – kurz Dordt – die älteste Stadt Hollands. Nicht der Niederlande, da gibt es wesentlich ältere, wie die einstigen Römerstädte Maastricht und Nimwegen nahe der deutschen Grenze. Aber in Holland ist Dordrecht die Älteste. Im Mittelalter war sie ein wichtiger Stapelmarkt für Wein, Getreide und Holz. Sie profitierte von ihrer Lage im Mündungsgebiet des Rheins, bis heute ist sie an allen Seiten von Flüssen und Kanälen umgeben. Eine Wasserstadt.

Das historische Zentrum zeugt bis heute von Dordrechts großer Geschichte und umfasst alles, was man klischeehaft mit Holland verbindet: Giebelhäuser, Zugbrücken und Grachten. Ist dies vielleicht der holländischste Ort der Welt? In den Niederlanden selbst wird Dordrecht jedenfalls regelmäßig als die „meistunterschätzte Grachtenstadt“ oder als „urholländische Stadt“ bezeichnet.
Wahrzeichen ist die Grote Kerk (Große Kirche) mit ihrem leicht schiefen Turm, dem die Spitze fehlt. Das liegt daran, dass er aufgrund des sumpfigen Bodens während der Bauarbeiten absackte und man ihn deshalb lieber nicht weiterbaute.
Dordrecht, Stadt der sittenstrengen Spaßbremsen
Harry Wouters kam vor 50 Jahren für seinen Job bei der Polizei nach Dordrecht. „Es war ein Kulturschock“, erinnert er sich. Wouters stammt aus der südlichen Provinz Brabant, die burgundisch-katholisch geprägt ist und im Ruf steht, von Lebensgenießern bevölkert zu sein. Dordrecht dagegen liegt mitten im niederländischen Bibelgürtel, hier regierte jahrhundertelang calvinistische Askese.









