Aufgewachsen in Kreuzberg
Er spuckte auf seine Pommes: So hart war Tim Raues Kindheit
Aktualisiert am 19.06.2026 – 06:26 UhrLesedauer: 3 Min.
Sternekoch Tim Raue wuchs in Kreuzberg in bitterer Armut auf. In einer ARD-Reportage spricht er über etwas, das ihn bis heute nicht loslässt.
300 Euro kostet ein Menü bei Tim Raue. Elf Restaurants trägt der Berliner Sternekoch heute sein Eigen. Dass er dort gelandet ist, wo er heute steht, verdankt er nicht zuletzt einem schlichten Kalkül: Wer kocht, hat immer etwas zu essen.
Denn Raue kannte als Kind vor allem Entbehrung. In der ARD-„Monitor“-Reportage „Arm sollst du bleiben? Das Los der Herkunft“ schildert der heute 52-Jährige, wie sein Aufwachsen in Berlin-Kreuzberg ihn bis in die Gegenwart verfolgt. „Hunger zu haben bedeutet, dass du eine Leere in dir hast, die so tief ist, dass es wie ein schwarzes Loch ist, in das man nur noch fällt“, sagt er. „Es ist brutale Scham.“ Dieses Gefühl sei nie ganz gewichen – es sitze „in jeder Zelle“.
Tim Raue war Mitglied der Kreuzberger Straßenbande „36 Boys“
Kreuzberg in den 1980ern: Der junge Raue streunte durch die Straßen, immer auf der Suche nach etwas Essbarem. Pommes galten als Kostbarkeit. Wer welche hatte, musste sie verteidigen – Raue tat das auf seine Weise, indem er darauf spuckte. Geholfen hat es nicht immer. Die Pommes seien ohnehin nicht gut gewesen, erinnert er sich, „aber warm im Magen“. An einer früheren Imbissbude in Kreuzberg, an der er mit dem Reportage-Team vorbeikommt, hängen diese Erinnerungen noch heute.
Was er auf der Straße nicht fand, suchte er in der Gemeinschaft. Mit den „36 Boys“ – einer Straßengang aus dem Kreuzberg der späten 1980er-Jahre, die zu einem Großteil aus Kindern mit Migrationsgeschichte bestand und deren Revier rund um das Kottbusser Tor lag – gehörte er erstmals irgendwo dazu. „Wir haben tatsächlich gedacht, dass wir die Ritter von Kreuzberg sind, die diesen Stadtteil beschützen“, erinnert sich Raue – und muss dabei fast schmunzeln. Damals habe ihn das „stolz“ gemacht.
Küchenchef zu werden, war das beste, was ihm passieren konnte
Die Schule war kein Ort, an dem er sich beweisen konnte – oder wollte. Mehrfach blieb er sitzen, flog von Schulen, schaffte am Ende gerade so den Realschulabschluss. Sein Vater habe ihm wenig Zutrauen entgegengebracht: „Aus dir wird eh nichts“, zitiert Raue ihn. Derselbe Vater habe ihn verprügelt.
Den Weg in die Küche wies ihm schließlich ein Berufstest. Drei Vorschläge: Landschaftsgärtner, Maler und Lackierer oder Koch. Für Raue war die Sache klar. Als jemand, der chronisch hungerte, schien ihm die Küche der naheliegendste Ort. Rückblickend nennt er diese Entscheidung das Beste, was ihm hätte passieren können.
Erfolg hat Tim Raues Hunger nicht vertrieben
Talent, sagt er, sei nicht sein stärkstes Pfund gewesen: „Ich weiß, dass ich weniger talentiert bin, als die Menschen um mich herum.“ Was er stattdessen mitbringe: die Bereitschaft, härter zu arbeiten und länger zu leiden. Das Leid des Alltags heute sei gegen das seiner Kindheit ohnehin nicht aufzuwiegen.








