Ein gestrandetes Kreuzfahrtschiff an der polnischen Ostseeküste – nur wird es sich nicht mehr bewegen. Das Hotel „Gołębiewski“ in Pobierowo, Westpommern, hätte 2021 eröffnet, ist aber immer noch nicht geöffnet. In einem Facebook-Post vom 21. Januar kündigte das Unternehmen an: „Wir werden bald ein neues Hotel in Pobierów eröffnen.“ In dem Post wirbt das Hotel um Personal. Gesucht werden Haushälterinnen, Köchinnen, Rezeptionisten – es gibt eine ganze Reihe von Stellen, die besetzt werden müssen.
In Mecklenburg-Vorpommern schrillen die Alarmglocken: Werden künftig Gäste und Arbeiter im großen Stil abgeworben? In den deutschen Medien erhielt das Projekt bald den Spitznamen „Klein-Dubai“. Geplant sind 13 Etagen, 1.200 Zimmer und bis zu 3.000 Gäste. Laut lokaler Statistik hat Pobierowo selbst nur etwa 1.000 Einwohner.
Im Vergleich dazu gehören das Morada Resort Kühlungsborn und das Hotel Neptun in Warnemünde zu den größten Hotels an der deutschen Ostseeküste. Das Neptun wurde 1971 als Prestigeprojekt der DDR eröffnet und ist seit mehr als 50 Jahren ein Wahrzeichen des deutschen Ostseeurlaubs. Allerdings haben beide mit weniger als 500 Zimmern einen völlig anderen Maßstab als das Gebäude in Pobierowo.
Bald keine Urlauber mehr auf der deutschen Seite?
Das Mega-Hotel liegt rund 60 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt bei Ahlbeck. Und weil ein Wellnessbereich in einem Fünf-Sterne-Hotel längst zum Standard gehört, verfügt die Anlage auch über einen Aquapark, ein Kino und einen Tennisplatz. Der Platz ist so konzipiert, dass er so viel bietet, dass Gäste ihn kaum verlassen müssen.
Die Gołębiewski-Kette scheint einem klaren Muster zu folgen: Jedes neue Hotel ist größer als das vorherige. Mikołajki in Masuren, Karpacz in Niederschlesien oder Wisła – jeder Standort war bei seiner Eröffnung das größte Hotel Polens, bis das nächste Projekt die Messlatte erneut höher legte. Pobierowo ist vorerst der Höhepunkt dieser Entwicklung.
„Little Dubai“ mit einer langen Leidensgeschichte
Gründer Tadeusz Gołębiewski, ein Süßwarenhersteller, der mit Waffelröllchen reich wurde, stieg 1991 in die Hotellerie ein. 2018 legte er den Grundstein für Pobierowo – sein fünftes und größtes Projekt, auf einem ehemaligen Militärgelände mit 34 Gebäuden, das die Gemeinde Rewal 2017 für 50,5 Millionen Złoty (umgerechnet rund 11,8 Millionen Euro) verkaufte.
Doch der Bau geriet ins Stocken: Coronavirus, Lieferengpässe, Baustreitigkeiten – und im Juni 2022 starb Tadeusz Gołębiewski. Das sagte Bezirksbauinspektor Janusz Zaryczański dem polnischen Nachrichtenportal geld.pl im September 2025, dass sie noch auf die Umweltgenehmigung der Gemeinde Rewal warteten – die letzte Hürde vor den Endkontrollen durch Feuerwehr, Gesundheitsamt und Bauinspektion. Als Standort war ursprünglich Łeba geplant – die Umweltbehörde lehnte das Projekt jedoch ab, da es sich um ein europäisches Naturschutzgebiet handelt. Pobierowo war Plan B.
1.500 Bäume für 3.000 Gäste
Auf die Frage von Euronews nach dem Eröffnungstermin bleibt das Hotel wortkarg: Es befinde sich in der „Endphase“ und bereite das Objekt für die Eröffnung vor. Genauere Informationen werden „in naher Zukunft“ bekannt gegeben.
Für das Projekt wurden rund 1.500 Bäume in einem Küstenwald gefällt. Kritik daran wies das Hotel auf Anfrage von Euronews zurück: Bei dem Gelände handele es sich nicht um ein unberührtes Waldgebiet, sondern um eine ehemalige Militäranlage – „ein Gebiet, das bereits umgestaltet und von Menschen genutzt wurde“. Die Räumung beschränkte sich auf das erforderliche Minimum. Als Ausgleich sind rund 4.000 Neuanpflanzungen geplant.
„Das muss einem gefallen“: Alarm in Mecklenburg-Vorpommern
Während Polen mit Spannung auf die Öffnung wartet, beobachtet die Tourismusbranche auf der anderen Seite der Grenze die Entwicklungen kritisch. Lars Schwarz, Präsident des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (DEHOGA) Mecklenburg-Vorpommern – der Hotel- und Gaststättenverband des Landes – sagt gegenüber Euronews: „Ich wäre besorgt, wenn die Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern auf solche Dinge nicht reagieren würde.“
Auf polnischer Seite wird mit staatlichen Zuschüssen in Infrastruktur und Kapazitäten investiert, während Unternehmen in Mecklenburg-Vorpommern mit älteren Strukturen Schritt halten müssen.
Besonders beschäftigt ihn die Personalfrage: Viele Hotels in Mecklenburg-Vorpommern beschäftigen Personal aus der polnischen Grenzregion. Wenn das Gołębiewski-Hotel diesen Pendlern eine Unterkunft vor Ort anbieten würde, „könnte das problematisch werden“, sagt Schwarz. Er schließt diesen Trend mittelfristig nicht aus.
Hinzu kommt der strukturelle Preisdruck. Im Interview mit Euronews rechnet Schwarz damit vor, dass auf polnischer Seite teilweise nur „ein Drittel des deutschen Mindestlohns“ gezahlt werde. Der Preis sei daher nicht der Weg, diesen Wettbewerb zu gewinnen, sagt er – Angebot und Qualität seien entscheidend.
Er beschreibt anschaulich, was er vom Massenkonzept hält: „Wenn hier zweitausend Menschen zum Frühstück kommen“ – in engen Zeitkorridoren, mit leeren Auslagen, Lärm und Stress – „muss es einem gefallen.“ Das Hotel spricht eher Kreuzfahrttouristen an, die solche Dimensionen gewohnt sind.
„Der Wettbewerb ist hart“
Die Insel Usedom in Mecklenburg-Vorpommern positioniert sich bewusst gegen den Massentourismus, betont Schwarz: „Das ist schwierig und wird von der Bevölkerung vor Ort nicht akzeptiert.“ Darin sieht er die Stärke der Region: Individualität, Ruhe, Solidität – Eigenschaften, die ein Hotel mit 3.000 Betten baulich kaum bieten kann.
Seine Forderungen an die Landesregierung sind konkret: Investitionen in Seebrücken, öffentliche Toiletten, Strandanlagen und Veranstaltungsflächen. Und ein Modernisierungsprogramm für die Betriebe, wie es in der Corona-Zeit auf den Weg gebracht wurde. „Das muss tatsächlich passieren. Der Wettbewerb ist hart.“
Das Ministerium für Wirtschaft, Infrastruktur, Tourismus und Arbeit des Landes Mecklenburg-Vorpommern hat bis zum Redaktionsschluss nicht auf die Anfrage von Euronews geantwortet.
Eine deutsche Hotelkette als wichtiger Arbeitgeber auf Usedom
Mit rund 450 Mitarbeitern ist die SEETELHOTELS-Gruppe einer der größten Arbeitgeber auf der deutschen Seite Usedoms. Rolf Seelige-Steinhoff, geschäftsführender Gesellschafter von SEETELHOTELS, zeigt sich auf die Frage von Euronews zunächst gelassen: „Konkurrenz gehört zum Tourismus dazu und kann auch positive Impulse für eine ganze Destination setzen.“ Gleichzeitig stellt er fest: „Dieses Grundstück ist eindeutig zu groß für diese Region und wird zu erheblichen Wettbewerbsverzerrungen führen.“
Beim Personal setzt Seelige-Steinhoff auf Bindung: „Der Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte ist in der gesamten Branche spürbar – unabhängig von einzelnen Projekten. Viele unserer Mitarbeiter kommen aus der Region oder aus Polen und sind seit vielen Jahren Teil unseres Teams. Daher legen wir großen Wert auf langfristige Mitarbeiterbindung, faire Arbeitsbedingungen, Weiterbildungsmöglichkeiten und eine familiäre Unternehmenskultur.“
Strategisch formuliert er seinen Ansatz klar: „Unser Ziel ist es, nicht nach Größe zu konkurrieren, sondern nach Qualität, Persönlichkeit und Erfahrung.“ Er wünscht sich eine verlässliche Infrastruktur und Unterstützung bei der Rekrutierung von Fachkräften durch die Politik.
Das Hotel selbst: Kein Konkurrenzproblem?
Die polnische Hotelkette wies die Vorwürfe aus Deutschland auf Anfrage von Euronews zurück. Unterschiede im Lohnniveau zwischen den Ländern seien „auf unterschiedliche wirtschaftliche und systemische Bedingungen zurückzuführen und nicht auf das Handeln einzelner Unternehmen“. Mitarbeiter aus dem Ausland sind willkommen, das Unternehmen betont aber auch: „Ein starkes und vielfältiges Angebot auf beiden Seiten der Grenze kann sich ergänzen und zur Weiterentwicklung der gesamten Region als attraktives Tourismusziel beitragen.“
Optimismus trotz Gegenwind
Trotz aller Bedenken bleibt Mecklenburg-Vorpommerns DEHOGA-Chef Schwarz optimistisch: Er ist überzeugt, dass Mecklenburg-Vorpommern 2026 erneut ein Rekordjahr verbuchen kann. „Wir haben bei weitem nichts zu verbergen“, sagt er und verweist dabei nicht nur auf die Landschaft, sondern auch auf die Professionalität seiner Kollegen. „Wir sehen das als Ansporn und nicht als Einschüchterung.“
Darüber hinaus ist eines entscheidend. „Ein Gast, der einmal kommt, bringt nichts“, stellt Schwarz sachlich fest. Dies gilt für beide Seiten der Grenze. Allerdings muss der Hotelriese in Pobierowo seine Lobbytüren noch öffnen.










