Eine weitere Rolle für die Stärke der AfD spielen nach Frankenbergers Einschätzung christlich-fundamentalistische und anthroposophische Gruppen bis hin zu Anhängern von Verschwörungstheorien. Gerade in Württemberg hat der Pietismus, die evangelische Frömmigkeitsbewegung, viele Anhänger. „Je stärker wortgläubig Menschen sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie zu rechten Positionen neigen können“, sagt Frankenberger. Ein Beispiel sei die Ablehnung von Vielfalt. Auch im Verfassungsschutzbericht ist die Rede davon, dass christlich-fundamentalistische Argumentationsmuster sich zunehmend mit extremistischen Inhalten rund um die Staatsfeindlichkeit vermischen.
Die AfD ist kein neues Phänomen, auch früher schon bekamen rechte Kräfte in Baden-Württemberg Zuspruch: Die NPD Ende der 1960er Jahre und die Republikaner in den 1990ern waren hier stärker als in anderen Regionen Westdeutschlands – und saßen im Parlament. Die „Querdenker“-Bewegung fand in Corona-Zeiten ihren Ursprung im Südwesten. Die „Reichsbürger“-Szene kommt laut Verfassungsschutz auf mehr als 4.000 Anhänger.
Es sind Beispiele für die Neigung zum Widerstand, die Baden-Württembergern nachgesagt und im Begriff des „Wutbürgers“ manifest wird. Dabei ist das Spektrum der Themen breit: vom Bahnprojekt Stuttgart 21 bis zum zivilen Widerstand, der in den 1970ern den Bau eines Atomkraftwerks verhinderte.
Anders als bei der nordrhein-westfälischen Kommunalwahl kann die AfD in Baden-Württemberg seltener in Großstädten punkten. Die alten Industriestädte Pforzheim und Heilbronn sind hier Ausnahmen.
Hier adressiere die Partei die in ihren Augen etablierten Einwanderer wie Russlanddeutsche, sagt Frankenberger. „Es werden Flyer auf Kyrillisch und Türkisch verteilt.“ Dieses Wählerpotenzial gebe es so in Ostdeutschland nicht.
Im Südwesten hat die AfD nach eigenen Angaben rund 8.600 Mitglieder. Im Landtag ist sie seit 2016, als viel über Flüchtlinge debattiert wurde. Sie wurde mit 15,1 Prozent aus dem Stand drittstärkste Kraft, sackte 2021 aber auf 9,7 Prozent ab und ist seither die kleinste Fraktion. Diese tritt laut Landeszentrale für politische Bildung in dieser Legislaturperiode „deutlich disziplinierter auf als in der Periode zuvor – wenn auch nicht unbedingt inhaltlich gemäßigter“.
Eine Steilvorlage für die AfD könnte nach Einschätzung Frankenbergers nun die Entscheidung des Verwaltungsgerichts Köln sein, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz die Partei vorerst nicht als gesichert rechtsextremistisch einstufen und behandeln und sie öffentlich auch nicht so bezeichnen darf. „Das könnte ihr nochmal zwei, drei Prozentpunkte bringen.“










